Die Erwartungshaltung an deutsche Filmproduktionen – noch dazu in historischem Setting – ist erfahrungsgemäß gering. Vor allem aus öffentlich-rechtlichem Hause erwartet wohl kaum jemand den großen Wurf, sodass die Ankündigung von “Bach – Ein Weihnachtswunder” (ARD/ORF 2024) niemanden auf die definitive Komponistenbiographie hoffen ließ. Und doch: In den letzten 20 Jahren hat sich durchaus die Meinung etabliert, dass auch fiktive Historienfilme gut recherchiert und an realen Vorlagen orientiert sein sollten.
Eines kann man gleich sagen: Viel Reales ist in “Bach – Ein Weihnachtswunder” nicht zu finden. Gewiss, die Figuren tragen Namen real existierender Menschen aus Bachs Familie und Umfeld, damit hört es dann aber schon wieder auf. Bachs Söhne Philipp Emanuel und Wilhelm Friedemann scheinen nicht nur optisch, sondern auch charakterlich am Schreibtisch der Drehbuchautoren vertauscht worden zu sein, Unterstützer Bachs im Stadtrat Leipzigs werden zu dessen Feind umgedichtet und jene Kinder von Bach, über die kaum etwas überliefert ist, erhalten aufwendige Subplots um möglichst alle erwartbaren Handlungsklischees irgendwie in 90 Minuten unterzubringen.
Vor allem die Klischees springen unmittelbar ins Auge und setzen früh den Ton für den Film. Diese reichen von Klassikern, wie hänselnden Kindern, die auf den gestrengen Zuruf von Anna Magdalena Bach sich sofort kleinklaut beim geistig behinderten Gottfried Bach entschuldigen, über Elisabeth Bachs sehnlichen Wunsch nach einem Weihnachtsbaum – auch wenn diese Tradition im Jahr 1734 noch in ihren Kinderschuhen steckte – bis hin zu modernen Konzessionen an den Zeitgeist, wenn Mutter und Tochter sich über die Rolle der Frau in der Kirchenmusik des 18. Jahrhunderts kritisch austauschen. Selbst eine Wut-Improvisation Bachs an der Orgel scheint direkte Anleihen beim schwer erträglichen “Schlafes Bruder” zu nehmen.
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