ESC 2026: Wenn das Eigene das Verbindende ist

vor etwa 2 Monaten

ESC 2026: Wenn das Eigene das Verbindende ist
Bildquelle: Tichys Einblick

Viele von denen, die am Samstag das Finale des diesjährigen ESC in Wien eingeschaltet haben, haben wohl etwas anderes erwartet. So viel Einigkeit dürfte zumindest herrschen. Gleich danach fangen sie aber auch schon wieder an sich zu scheiden, die Geister.

Der ESC dürfte dabei noch nie ein Event gewesen sein, der es jedem recht machen kann. Zu viel hiervon, zu wenig davon. Zuviel Haut hier, zu wenig dort. Zu wenig schwul hier, zu sehr dort. Diese Liste ist beliebig fortzusetzen. Wenn der ESC nicht so Ihres ist, hören Sie hier besser auf zu lesen. Dann werden Sie an dem Rest auch keinen Spaß haben. Wenn Sie wissen möchten, was diesen denn jetzt wieder einmal mehr besonders gemacht hat, lesen Sie gerne weiter.

Der diesjährige ESC in Wien war anders als die speziell der vergangenen fünf Jahre. Man musste nicht lange suchen, um den Unterschied zu bemerken. Viele Beiträge kamen wieder näher an die Länder heran, aus denen sie stammten. Es war wieder für deutlich mehr Menschen etwas dabei: Pop, Pathos, Folklore, große Ballade, kleine Albernheit. Der Abend wirkte nicht wie ein Wettbewerb, der seine Existenz nur noch aus der nächsten Grenzüberschreitung bezieht, sondern das Verbindende von Europa suchte. Und stellenweise wiederfand.

Mehrere Beiträge hatten wieder eine deutlich erkennbare Herkunft. Sie klangen nicht nach demselben europäischen Produktionsbüro. Sie kamen mit eigener Identität, eigener Sprache, eigenem Verve, eigener Erinnerung. Das machte den Wettbewerb in diesem Jahr wieder deutlich lebendiger.

Dass genau das in Teilen der Presse schon als schwierig, altmodisch oder verdächtig traditionell erschien, sagt mehr über die bräsig-linke Kaste der Journalisten in den Redaktionsstuben aus als über den Beitrag selbst. Der österreichische Kurier fand den Song gefühlt einige Jahrzehnte zu spät dran. In anderen Besprechungen wurde daraus der kleine Kulturfall: ein heterosexueller Mann im Anzug singt beim ESC von ewiger Liebe. Man kann sich das auf der Zunge zergehen lassen. Früher ein Lied unter vielen, heute reicht es fast schon für einen Disclaimer.

Sal Da Vinci hat in Wien nun keine politische Schlacht geschlagen, Italien war nicht der große Konflikt des Wettbewerbs. Aber Italien zeigte etwas, das in diesem Europa selten geworden ist: Selbstverständlichkeit. Das Lied entschuldigte sich nicht für Gefühl, nicht für Bindung, nicht für Pathos. Es tat nicht so, als müsse jede Melodie vorher beweisen, dass sie gesellschaftstheoretisch auf dem neuesten Stand ist. Genau daraus kam seine Kraft.

„Per sempre sì“ ist ein Beitrag aus einem Land, das weiß, dass Kultur älter ist als die aktuelle Meinungssaison. Italien braucht beim ESC keine Verkleidung, wenn es Italien sein will. Es zeigt stolz und völlig selbstverständlich seine Fahne inmitten des Songs. Es bringt Stimme, Sehnsucht und dieses ganz bestimmte Timbre mit, das man in Europa sofort erkennt. Wem bei diesem Lied nicht das Verdeck seiner Seele hochgeht, lebt verkehrt. Platz fünf war mehr als ein ordentliches Ergebnis. Es war ein Zeichen dafür, dass ein großer Teil des Publikums Tradition sehr viel stärker schätzt, als jene, die Tradition beruflich seit Jahren problematisieren und dem EU-Bürger ausbimsen wollen.

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