Wie würde die Tagesschau damit umgehen? Ich erinnere mich an eine lange Liste von Auseinandersetzungen mit den Chefs vom Dienst. Islamistischen Terror vermeldeten sie sehr zögerlich. Eigentlich nur, wenn es nicht anders ging.
Schon im Mai 2018, ich bin noch ganz neu in der Redaktion, setze ich mich für eine Meldung ein. Die Flüchtlingskosten, allein des Bundes, werden im kommenden Haushalt mit 70 Milliarden Euro veranschlagt. Erfolglos. Das sei nicht neu, so die Argumentation des Chefs vom Dienst. Das ist natürlich Quatsch: Die Zahlen werden erst in zwei Wochen offiziell vorgestellt und der Spiegel hat sie nur vorab gemeldet. Es liegt am Thema. Wie zehn Tage später. Ein 20-jähriger Kurde, der seit 2016 in Deutschland lebt, vergewaltigt die 14-jährige Susanna bei Wiesbaden. Anschließend ermordet er sie. Ihre Leiche verscharrt er neben den Bahngleisen. Zehn Tage später setzt er sich mit seiner Familie mit falschen Papieren in den Irak ab. Weitere vier Tage später wird die Leiche der Vermissten gefunden. Die Tat ist auch deswegen interessant, weil die Polizei zuerst nicht von einem Verbrechen ausgeht und mehreren konkreten Hinweisen nur halbherzig nachgeht. Die Asylanträge des Täters wurde alle abgelehnt, gegen ihn wurde mehrfach wegen verschiedener Straftaten ermittelt.
Die Artikel dazu auf den Onlineseiten von Spiegel oder Zeit sind die meistgelesenen. RTL aktuell beginnt seine Hauptausgabe mit dem Fall, genauso MDR aktuell. Heute berichtet um 19 Uhr in einem Beitrag an Position drei und interviewt anschließend den Rechtsexperten des ZDF.
Das ist alles bereits bekannt, als sich die Planer und die Chefs vom Dienst der 20 Uhr entscheiden, dass Thema maximal klein zu halten. Es wird eine Bildnachricht von 29 Sekunden vor dem Sport. Das ist kein Versehen, sondern volle Absicht. Für den Chef vom Dienst, der gerade den Hut auf hat, ist es ein Verbrechen wie jedes andere auch. Gerade bei ihm wundert mich das nicht.
Interessanterweise übt aber sonst niemand aus der Redaktion oder der Chefredaktion am Folgetag in der Konferenz um 10.30 Uhr Kritik an der Entscheidung. Da haben alle gesehen, dass so gut wie jede Zeitung die Geschichte groß auf Seite Eins hat, die Bild ihr gleich die ersten drei Seiten widmet. Selbst die New York Times und arabische Medien greifen den Fall auf. (…)
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