Es vergingen nur wenige Wochen, bis Christian Drosten, Deutschlands einflussreichster Regierungsberater in den Corona-Jahren, eine 180-Grad-Wende in seiner Einschätzung des Coronavirus und der dagegen infrage kommenden Maßnahmen vollzogen hatte. Die Ursachen dieses grundsätzlichen Wandels werden sich wohl nie vollständig aufklären lassen; manche dürften im Verborgenen bleiben. Drostens geistig-intellektuelle Entwicklung hingegen lässt sich minutiös nachvollziehen, da er dem NDR in zahlreichen Interviews ausgiebig Rede und Antwort stand. Hinzu kommt ein später öffentlich dokumentierter Interessenkonflikt Drostens, der diese Entwicklung noch einmal in einem anderen Licht erscheinen lässt.
Am 28. Februar 2020 vertritt er im NDR-Podcast (Folge drei) lupenreine „Querdenker“-Positionen. Er hält es für abwegig, das Coronavirus, das sich seit Beginn des Jahres vom chinesischen Wuhan ausgehend weltweit verbreitete, über staatliche Kontrollmaßnahmen vollständig unter Kontrolle zu halten, hält Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel, also den Grundbestand der späteren AHA-Regeln, für sinnlos („keine Evidenz“) und rät sogar von Verhaltensänderungen im Alltag ab. Auf die Frage, worauf sich der durchschnittliche Bürger einstellen soll, sagt er: „Ja, also, ich kann Ihnen vielleicht sagen, was ich mache – oder auch meine Familie und mein Freundeskreis: nämlich gar nichts. Es gibt im Moment überhaupt keinen Grund, irgendetwas zu machen oder sich irgendwelche Sorgen zu machen.“
„Aus rein statistischen Gründen“ sei es für den Normalbürger irrational, sein Verhalten zu ändern, da die von Corona ausgehenden Risiken im Bereich von „Alltagsrisiken, die man auch in anderen Lebensbereichen auf sich nimmt“, liegen. Schließlich würde man aus „Verkehrsunfallstatistiken“ ja auch nicht den Schluss ziehen: „Ab jetzt gehe ich nur noch zu Fuß.“ Es gehe nicht darum, jetzt zu denken: Da bricht jetzt unmittelbar etwas auf uns ein“, so Drosten am 28. Februar 2020, als das Coronavirus sich bereits – den Zahlen der Johns-Hopkins-Universität nach – pandemisch verbreitete.
Drosten vertraute damals noch blind auf das natürliche Immunsystem, von Impfung ist im Gespräch kein einziges Mal die Rede; auch staatliche Maßnahmen seien schlimmer als das Virus selbst: „In China wird man wieder zur Arbeit gehen, und die Isolationsmaßnahmen müssen jetzt aufgehoben werden. Denn diese Maßnahmen richten mehr wirtschaftlichen Schaden an als das Virus selbst“, so der Virologe wie die leibhaftige Vernunft selbst. Das galt auch für Modellierungen, wie er in der folgenden Podcast-Folge erklärte: Sie seien „immer mit ganz großen Fehlern behaftet“.
Bemerkenswert ist, dass das RKI zu diesem Zeitpunkt von einer Sterblichkeit von 1 bis 2 Prozent ausgeht, die Drosten allerdings „nassforsch“, wie er selbst sagt, auf ein halbes Prozent bereinigt; allerdings hält er auch 1 Prozent Sterblichkeit, was deutlich über Influenza läge, für durchaus realistisch. Im Grundsatz wird sich an dieser Größenordnung im weiteren Verlauf der Pandemie nichts mehr ändern – im Gegenteil: Die Sterberaten werden nach unten korrigiert werden. So wird Drosten wenig später von einer Sterberate von 0,8 Prozent ausgehen, die eine Studie festgestellt hatte. Während die Informationslage sich künftig faktisch entwarnend entwickeln wird, wird Drosten – gerade umgekehrt dazu – vorsichtiger, panischer, autoritärer werden.
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