Der menschliche Blick auf die Natur und ihre Ressourcen ist (…) durch problematische Narrative verstellt. Diese haben sich seit der Aufklärung herausgebildet: So behauptete Jean-Jacques Rousseau, es existiere ein „Gleichgewicht“ in der Natur, das der Mensch nur stören könne. Und seit den Schriften des Nationalökonoms Thomas Malthus aus dem 18. Jahrhundert gilt als gesetzt, dass Rohstoffe endlich sind und die Menschheit auf eine Hungerkrise zusteuert, sobald mehr als eine Milliarde Menschen den Planeten bevölkern.
Ganze Ideologien sind aus dem Mythos der Knappheit heraus entstanden, unter anderem alle Spielarten des Sozialismus und des National-Sozialismus. Selbst im Jahr 1974 noch folgten Dennis Meadows und sein Team im Bericht des Club of Rome dieser alten Idee der Knappheit. Und 2022 rechnete die taz-Journalistin Ulrike Herrmann in ihrem Buch „Das Ende des Kapitalismus“ vor, dass Klimaschutz nur durch radikalen Verzicht zu erreichen ist. Als notwendige Folge von Klimapolitik stellt sie indirekt Großbritanniens Kriegswirtschaft, wirtschaftlichen Niedergang und Totalitarismus dar. (…)
Mit besonders vielen irreführenden Erzählungen ist die Kerntechnik behaftet. Das ist fatal, denn die Welt wird diese Technik brauchen: Wenn die fossilen Energieträger irgendwann zur Neige gehen, die Umgebungsenergien aber strukturell ungeeignet sind, eine moderne Zivilisation aufrechtzuerhalten, bleibt keine Alternative. Andere Energiequellen lässt die Physik nicht zu. (…)
Im Bericht des Club of Rome im Jahr 1974 rechnete das Team um Dennis Meadows vor, wie lange die wichtigsten Rohstoffe reichen sollten: Demzufolge hätten praktisch alle Rohstoffe bis zum Jahr 2000 schon zur Neige gegangen, die Menschheit in Kriegen um die letzten Rohstoffe verwickelt, unser Lebensstandard drastisch gesunken und die Biosphäre kollabiert sein müssen.
Nichts davon ist eingetreten, daher stellt sich die Frage, warum die Vorhersagen der Autoren so dramatisch danebenlagen. (…)
Es gibt drei Hierarchiestufen von Ressourcen:
• Die erste Stufe sind natürliche Ressourcen. Wind, Sand, Wellen, Felsen, Bäume, selbst Blütenduft im Frühling und Wolken sind natürliche Ressourcen. Welche dieser natürlichen Ressourcen tatsächlich vom Menschen genutzt werden können, ist eine Frage nach den Technologien für ihre Ausbeutung. • Diese nutzbaren Ressourcen werden als technische Ressourcen bezeichnet. So wurde Sonnenlicht erst durch Einsteins Entdeckung des photoelektrischen Effekts energetisch verwertbar. Schon in der Antike kannte man ölige Schlammschichten in den Wüsten Arabiens, aber erst mit der Erfindung der Petroleumlampe wurden Ölschlämme nützlich, und erst durch die Erfindung des Verbrennungsmotors, der Bohr- und Pumptechniken, der Tankschiffe und Pipelines wurde Öl zu einem so zentralen Rohstoff, wie er es heute ist. Wasser- und Windkraft können seit mehreren Jahrtausenden genutzt werden, Wellenkraft erst seit kurzem. • Ob aber eine technisch zugängliche Ressource auch genutzt wird, entscheidet sich über die Kosten, eine Einheit von ihr zu produzieren, im Verhältnis zum wirtschaftlichen Nutzen. Daher ist die wichtigste Kategorie die der wirtschaftlichen Ressourcen. Die gesellschaftliche Debatte um Rohstoffe kreist fast ausschließlich um diese Kategorie.
Welche technischen Ressourcen zu den wirtschaftlichen Ressourcen zählen, ändert sich mit der Zeit.
Beim Erdöl fragen beispielsweise viele Nachhaltigkeitsforscher verwundert, warum Ölförderer immer höhere Bestände ausweisen können, obwohl kaum neue Ölfelder gefunden wurden. Der Grund ist einfach, aber kaum bekannt: Die Grundgesamtheit an Erdöl, das in einem Ölfeld steckt, wird „Original Oil in Place“, kurz OOIP genannt. Von diesem konnten vor einem halben Jahrhundert nur ein kleiner Anteil – typischerweise zehn Prozent – gefördert werden. Dabei handelte es sich um die Menge, die durch Eigendruck nach oben strömte. Seither wurden etliche Verfahren der „Enhanced Oil Recovery“ (EOR) entwickelt, um mehr Öl aus den Lagerstätten zu fördern, wie das Verpressen von CO2 und Wasser in den Boden. Dar-über hinaus helfen bessere bildgebende Verfahren dabei, die exakte Lage der Ölblasen zu erkennen und punktgenauere Bohrungen zu verbringen. Techniken zum horizontalen Bohren erleichtern den Zugang. Mit diesen EOR-Technologien ist es heute möglich, über 30 Prozent des OOIP zu fördern.
Was an Rohöl in der Lagerstätte dann noch verbleibt, sind zähflüssiger Öle. Um auch diese fördern zu können, werden derzeit Technologien entwickelt, um im Boden die langkettigen Ölmoleküle aufzubrechen, die Masse dünnflüssiger zu machen und nach oben pumpen zu können. Diese Verfahren nennen sich „in-situ-Cracking“ und sollen helfen, bis zu 75% des OOIP zu fördern. Würde diese realisiert, stiegen die Welt-Ölvorräte auf mehr als das Doppelte der Ölmenge an, die bis dato gefördert werden kann.
Pressekonferenz mit NATO-Generalsekretär Mark Rutte | 06.07.2026











