Die Kunst, mit Anstand zu verlieren

vor mehr als 1 Jahr

Die Kunst, mit Anstand zu verlieren
Bildquelle: NiUS

Millionen Fernsehzuschauer haben es gesehen: Bundestagsvizepräsidentin Göring-Eckardt verkündete das Abstimmungsergebnis – und nach einer kurzen Schockstarre tobte der Bundestag. Ein undefinierbares Gekeife, kreischende Zwischenrufe, Ausdrücke der Unflat, Brüllen und Toben, Beschimpfungen aller Art.

Es schien, als hätte das hohe Haus seinen Verstand verloren. Seine Contenance allemal. „Leistet Widerstand gegen den Faschismus im Land. Auf die Barrikaden“, forderte die Linken-Abgeordnete Heidi Reichinnek. Mein Kollege Alexander Kissler schrieb: „Dem Geschrei nach zu urteilen, wurde gestern kurz vor 18 Uhr die Demokratie beerdigt. Was ein Unfug, liebe Grüne, liebe Sozialdemokraten.“

Was war geschehen? Oppositionsführer Friedrich Merz hatte mithilfe der AfD die Migrationsabstimmung mit 348 zu 344 Stimmen gewonnen. Die Mehrheit im Parlament war dem Mehrheitswillen der Bevölkerung gefolgt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Nichts von dem Abstimmungsvorgang war undemokratisch. Es gab allerdings, wie bei Abstimmungen üblich, einen Gewinner und einen Verlierer. In diesem Fall jubelte der Gewinner Merz nicht, er gab sich zerknirscht wegen der Mithilfe der AfD. Die Verlierer aber tobten.

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