Die Diskussion um die Haltung der regierenden Labour-Partei zu dem jahrzehntelang währenden Skandal um sogenannte Grooming-Gangs in vielen Gemeinden Großbritanniens nimmt an Schärfe zu. Nach der Safeguarding-Ministerin Jess Phillips, die eigentlich nur eine Staatssekretärin im Innenministerium ist, rückt nun immer mehr der Premierminister Keir Starmer ins Zentrum der Vorwürfe. Starmer war von 2008 bis 2013 Leiter der Staatsanwaltschaft der Krone und hatte schon dadurch mit den Fällen zu tun. Seine Oberbehörde hatte darüber zu entscheiden, ob Ermittlungen gegen die Täter aufgenommen wurden oder nicht.
Daneben ist es aber auch das Innenleben der Labour-Partei, das auffällig in den Skandal verstrickt zu sein scheint. Eine Whistleblowerin aus Rotherham, die Sozialarbeiterin Jayne Senior, wandte sich 2020 in einem Brief an Starmer, wie zuerst der Nachrichtensender GB News berichtet hat. Da war der schon Labour-Chef und Oppositionsführer im Unterhaus. Sie erhielt aber keine Antwort, obwohl sie glaubte, noch immer interessante Informationen für Starmer zu haben. Im Jahr 2010 hatte Senior im Rahmen ihres Projekts „Risky Business“ Kontakt zu Opfern der Gangs und stellte einige von ihnen auch dem Times-Journalisten Andrew Norfolk vor. Das brachte den Skandal damals ins Rollen.
Zehn Jahre später saß Senior selbst für Labour im Stadtrat von Rotherham, hatte aber mehr Probleme dadurch, als sie vielleicht gedacht hatte. Ihr Ziel war es, das Ausmaß des geschehenen Missbrauchs öffentlich zu machen. Doch von ihren Fraktionskollegen erfuhr sie keine Unterstützung, im Gegenteil. Senior sah sich „immer wieder Anfeindungen aus der Labour-Partei und aus den von Labour kontrollierten Kommunalbehörden ausgesetzt“, wie sie Starmer schrieb. Doch dessen Interesse an dieser Parteirebellin war erwartungsgemäß gleich null, was Senior „schockierend“ und „herablassend“ zugleich fand. Sie hatte gedacht, dass der Chef der größten Oppositionspartei eine Spur des Interesses an den Dingen haben sollte, von denen Senior wusste. Das war offenbar nicht der Fall und dürfte insofern an den Kern der Skandale rühren.
Zur Erinnerung: Derselbe Keir Starmer verkündete im vergangenen August, als Unruhen vor allem den Norden Englands erschütterten, dass er „substantielle Urteile“ im Laufe nur einer Woche erwarte. Vorwiegend weiße Briten revoltierten da in vielen Städten wegen eines dreifachen Mädchenmordes in Southport, begangen durch einen ruanda-stämmigen jungen Mann mit IS-Inspiration. Einer Schnelljustiz gegen einheimische Briten, die für Social-Media-Posts jahrelang ins Gefängnis gehen, steht eine wahrhaft blinde, untätige Justitia in den Fällen der Grooming-Gangs gegenüber.
Die weißen Mädchen aus der Unterschicht, die über Jahre Opfer systematischer Vergewaltigungen durch muslimische Männer wurden und inzwischen oft zu Frauen herangewachsen sind, warten in vielen Fällen noch heute auf einen Prozess gegen ihre Peiniger. Der Journalist Charlie Peters berichtet von einem Fall, der ihm persönlich bekannt sei und in dem der Prozessbeginn auf das Jahr 2026 terminiert sei. Die Frau wurde vergewaltigt, seit sie elf Jahre alt war, und wird von der ersten Tat bis zum Beginn des Prozesses insgesamt 30 Jahre auf Gerechtigkeit gewartet haben.
Der Eindruck einer Zwei-Klassen-Justiz im Vereinigten Königreich wird immer stärker, wie Peters auf GB News bestätigte: „Wenn der Staat handeln will, kann er das absolut.“ Das hatte ja die Reaktion auf die Unruhen und Social-Media-Kommentare rund um die Mädchenmorde von Southport gezeigt. Aber im März 2024, so Peters, gab es über 10.000 Anzeigen wegen Sexualstraftaten und fast 3000 Anzeigen wegen Vergewaltigungen, deren Opfer auf ihren Prozess warten.
Für Brendan O’Neill vom Online-Magazin Spiked ist es „der Skandal, der sich weigert, zu sterben“. Und das ist ein bedeutungsvollerer Satz, als O’Neill vielleicht selbst weiß. Es geht nicht allein um die immer noch ausstehende Aufarbeitung von Vorfällen, die teils Jahrzehnte zurückliegen. Es gibt auch den ernsten Gedanken, dass der Skandal unter der Oberfläche noch immer weitergeht – auch gerade, weil er nie grundsätzlich aufgearbeitet wurde.
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