Im Olympiavorspann des italienischen Fernsehens erscheint ein vertrautes Bild: ein nackter Mann, ausgebreitet in zwei überlagerten Positionen, in Kreis und Quadrat gefasst. „Der vitruvianische Mensch“ von Leonardo da Vinci – Ikone der Renaissance, Manifest des Humanismus und vermutlich die berühmteste anatomische Skizze der Welt. Doch diesmal steht er nicht ganz so da, wie Leonardo ihn einst zeichnete: Er erscheint ohne Genitalien.
Eine kleine digitale Korrektur, kaum mehr als ein „Schönheitseingriff“ im Detail – und doch groß genug, um eine kulturpolitische Debatte auszulösen.
Denn diese Zeichnung ist weit mehr als eine Studie des menschlichen Körpers. Sie verkörpert die Idee der Renaissance, dass der Mensch nach rational erfassbaren Proportionen aufgebaut ist, dass sich in seinem Körper die Ordnung von Natur und Geometrie widerspiegelt. Kurz: Der Mensch als Maß aller Dinge. Und ausgerechnet dieses Maß wird nun vorsorglich korrigiert.
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