Prolog: Im ersten Teil seiner Tragödie „Faust“ lässt Altmeister Goethe den Mephisto sagen: „Grau, teurer Freund, ist alle Theorie.“
Von Berlin, Flughafenkürzel BER, nach Salzburg (SZG) braucht man 55 Minuten. So steht es im Flugplan von Eurowings. Bei der Billig-Tochter der Lufthansa hatte ich online einen Sitz gebucht für Flug EW 4343. Abflug ab BER: Sonntag, 4. Januar 2026, 20.35 Uhr. Ankunft in SZG: Sonntag, 4. Januar 2026, 21.40 Uhr.
Doch grau ist alle Theorie.
Ebenso grau ist realer Schnee in Berlin.
Eigentlich ist Schnee natürlich weiß, aber in der anerkannt dreckigsten Metropole Deutschlands eben nur theoretisch. Und dieser graue Schnee am Flughafen der Hauptstadt des viertgrößten Industriestaates der Erde macht allen harmlosen Plänen des zivilisierten Passagiers einen dicken roten Strich durch die Rechnung.
18.00 Uhr Als vorausschauender und leidgeprüfter Berliner komme ich extra früh am BER an, mehr als zweieinhalb Stunden vor Abflug. Boarding beginnt um 19.50 h. Nach dem Aufgeben der beiden Gepäckstücke und der üblichen Warterei an der Sicherheitsschleuse folgt ein Blick auf die Anzeigetafel in Terminal 1: Zu welchem Gate muss ich?
Die Anzeige lautet: „Gate-Info um 19.45 h.“
Etwas spät vielleicht. Von der Haupthalle kann man am BER schon mal gut und gerne 20 Minuten bis zu einem der weiter entfernteren Abflugschalter unterwegs sein. Das Gate erst fünf Minuten vor Beginn des Boardings mitzuteilen, kann dann zu völlig unnötiger Rennerei führen.
Aber gut. Irgendwas ist ja immer.
19.50 Uhr Keine Neuigkeiten auf der Anzeigetafel. Das Gate, das da seit fünf Minuten angegeben sein müsste, bleibt weiter ein Geheimnis.
19.57 Uhr Per SMS schickt Eurowings diese Nachricht: „Die Abflugzeit für EW 4343 hat sich auf 22.05 h geändert.“ Also satte 90 Minuten Verspätung. Die SMS enthält kein einziges Wort des Bedauerns, auch keine Entschuldigung.
Auch viele andere Flüge sind verspätet. Tausende Menschen wuseln durch die Haupthalle. Das Café, in dem ich sitze, schließt – zusammen mit vielen anderen gastronomischen Betrieben am BER. Sonntag, 20.00 Uhr.
20.04 Uhr Jetzt ist die Flugverspätung auch auf der Anzeigetafel vermerkt – zusammen mit dem Hinweis: „Gate-Info um 20.35 h“. Immerhin. Ich suche ein geöffnetes Café und finde sogar eines. Immerhin.
20.40 Uhr Die Anzeigetafel vermerkt unverändert den Hinweis: „Gate-Info um 20.35 h“.
21.00 Uhr Auch mein neues Café schließt. Ich ziehe weiter und finde ein drittes, das noch geöffnet hat. Immerhin.
21.15 Uhr Die Anzeigetafel schickt die Salzburg-Passagiere zu Gate B13. Ein Glück, das ist nicht ganz so weit von der Haupthalle entfernt.
21.30 Uhr Keine Anzeichen eines beginnenden Boardings an Gate B13. Keine Mitarbeiter von Eurowings oder vom BER oder von irgendwem am Gate. Keine neuen Infos an der Anzeigetafel.
21.45 Uhr Immer noch keine neuen Infos an der Anzeigetafel. Immerhin beginnt endlich beginnt das Boarding.
22.05 Uhr Jetzt sollte der Flieger abheben. In Wahrheit ist das Boarding noch nicht einmal zur Hälfte beendet.
22.30 Uhr Endlich sitzen alle Passagiere im Flugzeug. Die Türen werden geschlossen. Ansonsten passiert: nichts.
22.44 Uhr Per SMS schickt Eurowings diese Nachricht: „Die Abflugzeit für EW 4343 hat sich auf 22.45 h geändert.“ Also in einer Minute. Es passiert: nichts.
22.45 Uhr Der Kapitän meldet sich: „Meine Damen und Herren, es tut mir sehr leid, aber der BER ist mit dem bisschen Schnee völlig überfordert.“ Für etwa 20 wartende Flugzeuge stünden nur ganze zwei (!) Enteisungsmaschinen zur Verfügung.
23.05 Uhr Der Kapitän meldet sich erneut: „Am Flughafen Salzburg besteht ein Nachtflugverbot. Wir haben eine Ausnahmegenehmigung erwirken können und dürfen dort auch etwas später landen. Hoffen wir, dass wir hier noch rechtzeitig enteist werden.“
23.15 Uhr Der Kapitän meldet sich wieder: „Jetzt sind wir zwar enteist, aber das hat zu lange gedauert. Wir können es nicht mehr rechtzeitig nach Salzburg schaffen. Außerdem stellen auch die Dienstleister hier am BER um 23.30 h ihre Arbeit ein.“
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