Ein Buckelwal strandet in der Ostsee – und Deutschland spielt wochenlang verrückt. Statt das Tier in Ruhe sterben zu lassen, will man es um jeden Preis „retten“. Menschen stürmen oder schwimmen zum Wal, Politiker wittern PR-Potenzial. Der Wirbel um Eisbär Knut war ein laues Lüftchen gegen die Hysterie um „Timmy“. Warum sind die Leute bloß so aus dem Häuschen?
Vor sechs Wochen wurde er im Hafen von Wismar gesichtet: ein 12,35 m langer Buckelwal, etwa 12 Tonnen schwer, also ein Jungtier, vielleicht vier bis fünf Jahre alt. Danach tauchte der Wal, den die Boulevardpresse „Timmy“ nannte und andere „Hope“, mehrfach in der Wismarer Bucht, bei Travemünde, in der Lübecker Bucht und schließlich in der Bucht vor der Insel Poel auf. Er kam wiederholt frei, strandete aber mehrmals erneut.
Nunmehr bestimmt das Tier seit sechs Wochen die Schlagzeilen des Landes. Mitleid mit dem Wal, dem das salzarme Ostseewasser Hautschäden (wie blasenartige Läsionen und Seepocken) zufügte, kann es allein nicht sein, was Menschen dazu bewegt, allerlei Verrücktheiten anzustellen oder sich medial ins Spiel zu bringen. Die Hysterie zeigt sich in Demonstrationen, Gebeten, wüsten Anschuldigungen und der 24/7-Berichterstattung. Jedes Geräusch, jede Bewegung, jede Fontäne, die der Buckelwal ausstößt, wird registriert. Und so mancher versucht, politisch mit dem Wal zu punkten.
Zuletzt war es Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus, der täglich Pressekonferenzen zum Zustand des Wals gibt. Auf einer solchen gab er sich kürzlich tief betroffen und emotional: „Und das, was dieser Wal durchgemacht hat … Ich habe vor diesem Tier absolute Hochachtung.“ Der Wal liegt seit Ende März im Schlick vor der Insel Poel. Anfang März wollte Backhaus ihn noch in Ruhe sterben lassen, inzwischen ist ihm wohl das PR-Potenzial der Angelegenheit bewusst geworden, denn am 20. September sind Landtagswahlen in „Meck-Pomm“.
Umweltminister Till Backhaus setzt sich dank „Timmy“ in Szene.
Jetzt entschied er sich, die Nacht vor Ort auf einem Fischereiaufsichtsboot zu verbringen, um mit einem Nachtsichtgerät zu beobachten, was weiter passiere. An Schlaf werde ohnehin nicht zu denken sein, aber er sei hart im Nehmen. Bis 1:30 Uhr beobachtete er „Timmy“, schlief dann zwei Stunden. Danach berichtete er laut Bild: „Ich glaube an dieses Tier.“ Er habe ihm in die Augen gesehen und sogar mit ihm kommuniziert. Und weiter: „Ich glaube, dass er mich sehr, sehr genau registriert und mich wahrgenommen hat.“
Dass er nun Rettungsversuche zulässt, dafür sind Aktivisten dem Sozialdemokraten dankbar. Vorher sei er beschimpft und bedroht worden, so Backhaus: „Ich bin hier schon durch einige Höllen gegangen. Aber diese Hölle ist die schlimmste, die ich je als Minister erlebt habe.“
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