Deutschlands Moral-Elite beurteilt die Welt nach völkerrechtlichen Kategorien, die der Westen aufgestellt und für universell gültig erklärt hat. Sie interessiert sich nicht dafür, dass weite Teile des globale Südens kulturell anders geprägt sind und deshalb ganz anders denken. Dies zeigt, dass die deutsche Moral-Elite nur scheinbar weltoffen ist, sich aber in Wirklichkeit nur für ihre eigenen Werthaltungen interessiert und deshalb zutiefst provinziell ist und immer weiter an Einfluss verliert.
Dies ist sehr gut am Beispiel des Taiwan-China Konflikts zu erklären. Weder die deutsche Politik noch die deutschen Medien sind interessiert daran, den kulturell philosophischen und damit den emotionalen Hintergrund des Konfliktes zu verstehen und aufgrund dessen einen konstruktiven Einfluss auszuüben.
Die Frage, warum China Taiwan als untrennbaren Teil seines Territoriums betrachtet, lässt sich nicht allein durch moderne Politik erklären. Sie wurzelt tief in einem komplexen Geflecht aus philosophischen Traditionen, kulturellen Selbstverständnissen und historischen Erfahrungen, die über zwei Jahrtausende zurückreichen. Um diese Sichtweise zu verstehen, muss man sich in das chinesische Denken hineinversetzen – ein Denken, das von Harmonie, Einheit, moralischer Ordnung und einem besonderen Verständnis von Welt und Staat geprägt ist.
Der Konfuzianismus ist die prägendste philosophische Tradition Ostasiens. Er formte über Jahrhunderte das chinesische Staatsverständnis und beeinflusst es bis heute. Im konfuzianischen Denken ist der Staat nicht einfach eine politische Struktur, sondern eine erweiterte Familie. Der Herrscher steht an der Spitze wie ein Vater, die Regionen und Völker sind wie Kinder oder Verwandte. Harmonie entsteht, wenn jeder seinen Platz kennt und die Ordnung respektiert.
Taiwan wird in diesem kulturellen Rahmen nicht als fremdes Land gesehen, sondern als Teil der chinesischen Familie, der historisch und kulturell dazugehört. Eine Abspaltung wäre aus konfuzianischer Sicht nicht nur politisch, sondern moralisch falsch – ein Bruch der natürlichen Ordnung.
In dieser Logik gilt Verrat als Todsünde. Wer sich vom eigenen Verbund abwendet und sich mit dem Feind verbündet, stellt sich außerhalb der moralischen Ordnung. So wird Taiwan und in abgewandelter Form die Ukraine in weiten Teilen des globalen Südens, nicht als souveräne Völker, sondern als abtrünnige Familienmitglieder wahrgenommen. Wer sich von der Familie abspaltet und zum Feind (USA) überläuft ist doppelt verachtenswert.
In einer solchen Logik besitzt das „Oberhaupt“ der Familie ein moralisches Rückholrecht – notfalls auch mit Gewalt. Diese wird als tragische, aber zulässige Maßnahme betrachtet, wenn der Zusammenhalt der Familie auf dem Spiel steht.
Diese Denkweise ist tief verwurzelt und erklärt, warum die Frage der territorialen Integrität in China emotional so aufgeladen ist. Sie ist nicht nur eine Frage der Macht, sondern der moralischen Ordnung, die durch das vom Westen aufoktroyierte Völkerrecht angegriffen wird. Dieses angeblich universelle Recht wird in China und in weiten Teilen des globalen Südens als Wertekolonialismus empfunden.
Der Westen erscheint aus der Perspektive des globalen Südens nicht als moralische Instanz, sondern als ein Clan oder eine Familie unter vielen, der seinen Herrschaftsanspruch oft genug hinter der Maske des Völkerrechts zu seinen Gunsten anwendet.
Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) zum Bundeshaushalt 2027 | 06.07.26











