Wer einen Blick ins Jahr 1962 wirft, erkennt das Alte im Neuen. Als der Staat die Redaktionsräume des Spiegels durchsuchte, demonstrierte er einen übergriffigen Autoritarismus, der ihn auch heute wieder beseelt. Spitzt man gegenwärtige gesellschaftliche Tendenzen zu, so könnten sich die Zensurgelüste Günthers als Vorgeschichte des größten presserechtlichen Skandals, als Vorboten einer Art „Spiegel-Affäre 4.0“, mit NIUS statt dem Hamburger Magazin im Zentrum.
Wie sehr sich die Bundesrepublik gewandelt hat und dabei doch dieselbe geblieben ist, zeigt die gedankliche Verbindung zwischen der Spiegel-Affäre von 1962 und dem jüngsten Pressefreiheitsskandal um die Einlassungen des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Daniel Günther. Der CDU-Politiker hatte bei Markus Lanz der Sache nach Zensurbegierden gegenüber freien Medien geäußert und sich dabei ausdrücklich auf NIUS eingeschossen. Ohne Beweise oder Belege vorzulegen, warf er NIUS vor, Falschbehauptungen aufzustellen und „faktenfrei“ zu berichten, womit das Portal eine Gefahr für „unsere Demokratie“ darstelle.
Anfang der Sechziger war dieser Jargon noch nicht geläufig. Das Land war im Kern konservativ, linke Medien regierungskritisch. Entsprechend lautete der Vorwurf damals nicht Demokratiegefährdung, sondern Landesverrat. Nicht die Demokratie sei bedroht, sondern die Loyalität einer einheimischen Zeitung gegenüber Deutschland.
Gegen die Verhaftung von Spiegel-Redakteuren findet im Oktober 1962 eine Demonstration in München statt.
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