Weiße Männer und Frauen und selbst Männer von Farbe verraten die gute Sache

vor mehr als 1 Jahr

Weiße Männer und Frauen und selbst Männer von Farbe verraten die gute Sache
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Die nicht wohlwollende Aufzählung bestimmter Personen kann in Deutschland unter bestimmten Umständen die Justiz auf den Plan rufen. Der neu geschaffene Paragraf 126 a des Strafgesetzbuchs verbietet die Veröffentlichung sogenannter Feindeslisten. Wie schnell die Staatsanwaltschaft zugreifen kann, merkte ein Mann aus Nordrhein-Westfalen, der zusammentrug, was Politiker und andere Prominente während der Corona-Zeit über Ungeimpfte und generell renitente Bürger meinten. Seine Kollektion von ausnahmslos öffentlich zugänglichem Material veröffentlichte er im Netz, wenig später bekam er Post von der Staatsanwaltschaft. Immerhin sprach ihn das Amtsgericht Köln im Juni 2024 frei.

Neben dieser Art von Listen ohne große Außenwirkung existiert auch eine völlig risikolose Methode zur Zusammenstellung von Feinden. Sie richtet sich von oben nach unten, was sie für die Urheber schon einmal ungefährlich macht. Außerdem stehen dort keine Einzelpersonen, sondern ganze gesellschaftliche Gruppen. Im Plural sind Bürger bekanntlich namen- und gesichtslos. Diese spezielle Liste gilt zeitlich unbegrenzt und sie wächst seit Jahren. Sie belebt einen Begriff, den ältere Ostdeutsche noch kennen: den des Problembürgers. Auf dieser Liste finden sich alle Bürgergruppen, deren schiere Existenz einem ebenfalls beständig wachsenden Blob aus Politik, Medien und Staatsgeldorganisationen als schlecht, schädlich und gefährlich erscheint, weswegen sie meinen, dass den dort aufgeführten problematischen Kollektiven weder Definitionsmacht noch Anerkennung zusteht. Wer findet sich auf dieser Feindesliste der benevolenten Gesellschaftslenker? Sie zum Beispiel, die Sie gerade diesen Text lesen. Eigentlich liegt die Frage näher, wen sie verschont. Dazu weiter unten. Jetzt geht es erst einmal um die Personenansammlungen, die es in einer Gesellschaft nach dem Bild des Blobs nicht mehr geben dürfte. Jedenfalls nicht so.

Beginnen wir mit dem Problem- und Schadkollektiv Nummer eins: Männer. Dass der alte weiße Mann in der Achtungshierarchie ganz weit unten steht und über diesen Platz keinen Beschwerdemucks äußern darf, gehört zu den ältesten Festlegungen der wohlmeinenden Kreise überhaupt.

„Und wenn diese Generation nun zurückblickt und sich fragt, was damals eigentlich los war, dann sind Konfrontationen nicht nur legitim, sondern schlicht notwendig, um Aufarbeitung zu leisten.“ Das schrieb eine Stern-Autorin vor wenigen Wochen nicht etwa über den deutschösterreichischen Untoten, an den Sie jetzt voreilig denken, sondern: über Thomas Gottschalk. Der blonde Spuk gehört selbstredend aufgearbeitet, und zwar schon deshalb, weil er, der damals vor Millionen seine Hand auf Madonnas Knie legte, natürlich pars pro toto für alle alten unbelehrbaren Herrschaften dieses Landes steht.

In Erfurt gab es kürzlich sogar eine Protestdemonstration gegen Gottschalks Buchlesung; eine öffentliche Verbrennung fand aus Rücksicht auf die Feinstaubwerte dann doch nicht statt. Soweit also zum alten Weißmann, der außer Steuerzahlen nichts gesellschaftlich Nützliches zustande bringt. Die progressive Hoffnung lag bisher darin, dass junge und nichtweiße Vertreter des Geschlechts dem Beispiel dieser Unberührbaren nicht folgen. Allerdings steht es damit mittlerweile sehr, sehr schlecht.

Vor einiger Zeit veröffentlichte die Financial Times eine Untersuchung, der zufolge sich die politischen Ansichten und Wahlneigungen in fast allen westlichen Ländern zwischen Männern und Frauen deutlich unterscheiden, und zwar gerade in den jüngeren Generationen. Frauen tendieren eher zu linken oder vielmehr neolinken Glaubensinhalten. Etwa, dass sich das Geschlecht eines Menschen durch Willensakt ändern lässt, dass der Westen die Schuld an nahezu allen Übeln der Welt trägt, dass Migration ausschließlich den Interessen der Migranten folgen darf, dass es sich bei allen Projekten unter der Überschrift ‚Klimarettung‘ um gute Werke handelt und ohne weitere Beweisführung bei Cis-Männern um toxische Gestalten.

Längst nicht alle Frauen glauben das. Aber es gibt eine Tendenz, die sich auch in Wahlen zeigt. Viele glauben es vielleicht auch nicht im Innersten, meinen aber, dass sie diesen Merksätzen beipflichten müssen und vergessen dann irgendwann den Unterschied. Männer neigen gegenüber diesem Katechismus tendenziell eher zur Skepsis. Was auch daran liegen könnte, dass sie auf die im Kreissägenton von einer ganz bestimmten Frauensorte vorgetragenen Belehrungen über toxische Männlichkeit durchaus reagieren, allerdings nicht so, wie die Botschafterinnen sich das dachten.

Die Veröffentlichung in der Financial Times erzeugte eine Flut von generischen Medienbeiträgen in den USA, Deutschland und anderswo, alle mit mehr oder weniger identischen Überschriften und Textblöcken. Nachdem die US-Wahl den Grundbefund bestätigte, schwoll sie noch einmal tsunamihaft an. Der Tenor lautet jedes Mal, dass Männer (und gerade die jungen) abdriften und in einem Land nach dem anderen die falschen Parteien an die Macht bringen.

So erklärt es beispielsweise die Plattform Politico, nachdem sie vor dem 5. November in mehreren Texten quasiwissenschaftlich nachgewiesen hatte, dass und warum Kamala Harris siegt. Die ARD-Sendung „Panorama“ meldet im Gleichklang, junge Männer seien „anfällig für rechtes Gedankengut“. Dazwischen und daneben gibt es ganze Festmeter an Artikeln, die ein und denselben Text variieren. Nie warnen die Verfasser vor einer Abdrift junger Frauen, welche übrigens absolut die Mehrheit unter den Studenten amerikanischer Eliteuniversitäten stellten, die auf dem Campus zum Islam konvertierten und für die Hamas hungerstreikten. Von dieser speziellen Ausformung einmal ganz abgesehen – auf die Formulierung „anfällig für linkes Gedankengut“ wird man noch länger warten müssen, speziell als Kunde der ARD. Auch bei der Ursachensuche stochern die Journalisten ratlos herum. Junge Männer, heißt es dann, würden sich mehr für wirtschaftliche Themen interessieren, etwa Lohn, Steuern, Spritkosten. Von genau diesen materialistischen Themen und Vorstellungen der alten Zeit bewegen sich linke Parteien westweit bekanntlich weg, während die jungen Herren eben zurückbleiben. Mehrere Kilotonnen aus journalistischer Produktion über fossiles Patriarchat und Krise der Männlichkeit konnte auch die jüngeren Generationen offenbar nicht aus ihrer verhärteten Position lösen. Manche amerikanische Männer wählten Trump in einem Anfall von Reaktanz vermutlich auch, um den dauerumerziehenden Gouvernanten jederlei Geschlechts mitzuteilen: Ihr habt die Megafone, wir haben die Stimmzettel.

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