Nach einem weiteren Jahr ohne Wachstum, steigenden Insolvenzen und wachsendem Vertrauensverlust stellt sich die Frage, wohin sich Deutschland wirtschaftlich bewegt. Der Finanz- und Wirtschaftsexperte Marc Friedrich hält den aktuellen politischen Kurs der Merz-Regierung für falsch und sieht das Land vor einer strukturellen Krise historischen Ausmaßes. Im Gespräch mit NIUS blickt Friedrich auf das Jahr 2025 zurück und erklärt, warum er für 2026 kaum Hoffnung auf eine politische Trendwende sieht – und was auf Wirtschaft und Bürger zukommen könnte.
NIUS: Herr Friedrich, wenn Sie auf das vergangene Jahr 2025 in Deutschland schauen: Welches Fazit würden Sie ziehen?
Marc Friedrich: Desaströs. Ich hätte nicht gedacht, dass die neue Regierung den Weg der alten Regierung weiter voranschreiten lässt und dass es noch schlimmer, noch chaotischer wird als mit der Ampelregierung. Der Niedergang ist im vollen Gange. Wir haben nicht nur eine konjunkturelle Krise. Wir haben die größte Wirtschaftskrise, Strukturkrise oder Systemkrise seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland 1949. Das macht schon große Sorgen und auch graue Haare, wie man sieht.
NIUS: Man müsste doch eigentlich denken, mit dem großen Schuldenpaket kommen jetzt die Investitionen und nächstes Jahr der große Aufwärtstrend. Oder etwa nicht?
Marc Friedrich: Nein. Wir sind statistisch im sechsten Jahr ohne Wachstum. So eine lange Phase gab es in Deutschland noch nie. Wir sind bald im vierten Jahr der Rezession. Was wir sehen, ist nicht nur Deindustrialisierung: Unternehmen wandern ab, investieren woanders, bauen hier nicht mehr, schaffen keine Arbeitsplätze mehr oder schließen für immer.
Wir haben ein Rekordniveau bei Insolvenzen. Immer mehr Menschen verlassen das Land, über 250.000, meistens gut gebildete, gutverdienende oder Unternehmer. Sie investieren nicht mehr, konsumieren nicht mehr. Das fehlt. Auf der anderen Seite lässt man Menschen rein, die nicht das gleiche Niveau haben und nichts dazu beitragen.
Die Rentenreform ist ebenso eine Bankrotterklärung. Den Leuten zu sagen, sie müssen bis 73 arbeiten, heißt im Umkehrschluss: 68 reicht nicht, die Kassen sind leer. Und wie komme ich darauf? Weil die Gelder, die jetzt da im Raume stehen, natürlich falsch investiert werden, weil zum Beispiel in Kriegsgerät für irgendwelche geopolitischen Konflikte oder auch die Bundeswehr. Das ist halt keine Wertschöpfung, die nachhaltig ist.
Ein erheblicher Teil des Sondervermögens fließt in Rüstung. Friedrich hält das für falsch.
Wir reden von den größten Finanzpaketen, Liquiditätsspritzen, die Deutschland jemals hatte, die jemals ein Politiker in Deutschland unter seiner Fuchtel hatte, die meiner Ansicht nach vergeudet werden. Wir müssten eigentlich investieren, nicht nur in die Infrastruktur, sondern vor allem natürlich auch in weniger Bürokratie, in Steuerermäßigungen, aber natürlich auch in Bildung, denn wir haben halt keine Rohstoffe. Den einzigen Rohstoff, den wir haben, ist das Schmalz zwischen unseren beiden Ohren. Und der geht seit Jahren leider vor die Hunde. Wenn Sie sich die deutschen Schulen anschauen, dann können Sie eigentlich nur weinen. Das Paket ist teilweise jetzt schon vergeudet. Deswegen muss man sagen: Leider außer Spesen nichts gewesen. Es wird im Land nur kurzfristig, wenn überhaupt, einen kleinen Aufschwung geben.
NIUS: Sie haben die Abwanderung angesprochen. Wie stark ist dieser Trend aktuell und wie entwickelt er sich 2026?
Marc Friedrich: Der Trend wird seit Jahren stärker. Er wird nicht weniger. In der Honorarberatung fragt inzwischen fast jeder: Wo bringe ich mein Geld hin? Wo gehe ich selbst hin? Soll ich mein Unternehmen verlagern?
Früher war es vielleicht ein Unternehmer in zehn Gesprächen. Heute ist es in jedem Gespräch. Vor fünf Jahren waren es rund 170.000 Menschen, heute etwa 250.000. Parallel steigen die Insolvenzen auf knapp 24.000, ein 14-Jahres-Hoch.
Und wir sehen halt, dass die Menschen sich immer mehr Gedanken machen. Ist das noch mein Land? Will ich hier noch bleiben? Wir haben die höchste Steuerlast, aber wir bekommen immer weniger Gegenleistungen. Ich sehe es eigentlich nicht ein, hier weiterhin Spitzensteuersätze zu zahlen, ich bekomme leider nichts dafür. Gar nichts. Die Infrastruktur ist am Bröckeln. Die Bahn kommt zu spät. Die Schulen sind schlecht. Es gibt Ausfall überall. Die innere Sicherheit ist auch nicht mehr gegeben. Und die Politik fabuliert auf einem ganz anderen Level ihrer eigenen Blase.
Ich komme dem nicht mehr nach. Und das sehe ich nicht nur bei den Kunden in der Honorarberatung. Das erlebe ich auch bei Freunden, bei Bekannten, bei Vereinen et cetera. Ich glaube, dieser Trend wird massiv anhalten. Auch 2026 und auch in den nächsten Jahren. Außer, die Politik könnte glaubwürdig radikale Reformen durchsetzen und sich wieder Vertrauen bei der Bevölkerung erwirtschaften.
Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) zum Bundeshaushalt 2027 | 06.07.26











