Börsenwoche: Kommt ein Zoll-Deal? Märkte immer noch unruhig

vor etwa 1 Jahr

Börsenwoche: Kommt ein Zoll-Deal? Märkte immer noch unruhig
Bildquelle: Tichys Einblick

Anfang März schien sich der Konjunkturhimmel über Deutschland aufzuhellen: Die Anfang Mai wohl ihre Arbeit aufnehmende neue Bundesregierung kündigte – wenn auch schuldenfinanzierte – Ausgaben in dreistelliger Milliardenhöhe für die Verteidigung, die Infrastruktur und viele soziale Wohltaten an, die sich auf die Wirtschaft belebend auswirken sollten. Der klassische fiskalische Impuls. im Ukraine-Krieg wurde über einen Waffenstillstand gesprochen, und die Aktienkurse dankten es mit immer neuen Höchstständen.Innerhalb der EZB wurde bereits darüber diskutiert, ob die Notenbank im April eine Pause im Zinssenkungszyklus einlegen müsste. Einen Monat später sieht die Welt ganz anders aus: Donald Trumps Zollpolitik hat die Welt massiv verunsichert, weil nicht klar ist, wie die Deals aussehen, die er anstrebt. Kommt es schnell zu einer Ausweitung des Freihandels, würde sich die Panikreaktion der Märkte im Nachhinein als kleine Delle auf dem Weg zu neuen Höchstkursen herausstellen. Verkrampfen sich die Partner längerfristig in einer Zoll/Gegenzoll-Politik, könnte das die Welt vorübergehend in eine Rezession stürzen und langfristig zu globalen Wachstumsverlusten führen. In der Ukraine wird zudem immer noch gekämpft. Kein Wunder, dass die Kurse auf dem Niveau nach dem Absturz verharren.

Entsprechend schnell war bei der EZB die Zinspause kein Thema mehr. Am vergangenen Donnerstag senkte sie die Leitzinsen zum siebten Mal seit Juni 2024 um 0,25 Prozentpunkte. Der derzeit maßgebende Einlagensatz liegt nunmehr bei 2,25 Prozent. Die Wirtschaft des Euro-Raums habe eine gewisse Widerstandsfähigkeit gegenüber globalen Schocks aufgebaut, die Wachstumsaussichten hätten sich jedoch aufgrund der zunehmenden Handelsspannungen eingetrübt, hieß es von der EZB. Noch seien die makroökonomischen Auswirkungen des eingeleiteten Handelskrieges jedoch nicht völlig klar, sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde in der der Entscheidung folgenden Pressekonferenz. Im Erdölpreis spiegelt sich allerdings eine konjunkturelle Abschwächung. Dieser ist seit Trumps Zoll-Ankündigungen von Anfang April um rund 17 Prozent gesunken. Der Kurs des Euro ist seit Trumps „Liberation Day“ um rund fünf Prozent gestiegen. Zumindest mit der Wechselkursbewegung hat Trump schon ein Ziel erreicht: Sie verbilligt die Importe in die Euro-Zone und verteuert die Exporte. Angesichts der Gemengelage unterstrich Lagarde, dass die EZB sich auch für die kommenden Monate nicht auf einen Zinspfad festlegen werde, sondern ihre Entscheide aufgrund der eintreffenden Wirtschaftsdaten von Sitzung zu Sitzung treffen wolle.

Auch für Privatanleger stellen sich jetzt viele Fragen. Die wichtigste ist wahrscheinlich, ob man nun noch Aktien verkaufen soll, um mögliche Verluste zu vermeiden? Grundsätzlich gilt hier die alte Regel, dass Impulsverkäufe bei fallenden Börsenkursen nicht empfehlenswert sind, wenn sich durch die veränderten Umstände Anlagestrategie nicht fundamental geändert hat. Überprüfen sollte man das Depot indes dahingehend, ob es vernünftig diversifiziert ist. Das bedeutet im Großen, dass das Vermögen über verschiedene Anlageklassen wie Aktien, Anleihen, Edelmetalle und Immobilien verteilt ist, bezogen auf den Aktienanteil heißt es, dass Unternehmen aus verschiedenen Regionen der Welt genauso darin vertreten sind wie aus unterschiedlichen Branchen. Stimmt die Diversifikation nicht, sollte man übergewichtete Positionen reduzieren und in andere Titel umschichten.

Umgekehrt fragen sich Mutige, die vielleicht gerade über hohe Barmittelbestände verfügen, ob sie die Korrektur an den Märkten für Käufe nutzen sollten. Während der Kursabsturz die einen nervös gemacht hat, wittern die Schnäppchenjäger eine Chance: Star-Aktien wie Apple oder Nvidia oder Nestlé notieren fast 20 Prozent tiefer als zu Jahresbeginn. Da kann es für sehr langfristig Orientierte durchaus sinnvoll sein, Aktien zu kaufen.

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