Das verdrängte Persien: Warum die Islamische Republik Iran ihre eigene Geschichte fürchtet

vor 6 Monaten

Das verdrängte Persien: Warum die Islamische Republik Iran ihre eigene Geschichte fürchtet
Bildquelle: NiUS

Der größte Irrtum über den Iran besteht darin, ihn für islamischer zu halten, als er tatsächlich ist. Die Islamische Republik gibt vor, die wahre iranische Identität zu verkörpern. Tatsächlich aber ist sie eine späte historische Entwicklung und steht im offenen Bruch mit einer Zivilisation, die viel älter ist als der Islam selbst. Wer die aktuellen Proteste im Iran verstehen will, muss zu den Anfängen unserer Zeit zurück.

Als der Islam im frühen 7. Jahrhundert entstand, gab es Perser bereits seit über tausend Jahren. Auch ein Vergleich mit Deutschland ist aufschlussreich: Als Persien ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. eine voll ausgeprägte Hochkultur mit Schrift, Verwaltung, Postsystem und Währung ausbildete, lebten im Gebiet des heutigen Deutschlands – vor allem im Süden und Westen – überwiegend keltisch geprägte Stammesgesellschaften, die über keine eigene Schrifttradition und keine ausgeprägten staatlichen oder zentral-administrativen Strukturen verfügten.

Das persische Volk existiert so lange, dass es bereits im Alten Testament erscheint. In der hebräischen Bibel wird das Perserreich – insbesondere unter Kyros II. – außergewöhnlich positiv dargestellt, da es die Rückkehr der Juden aus dem babylonischen Exil ermöglichte.

Kyros wird dort als von Gott berufener Herrscher bezeichnet – ja sogar als „Gesalbter“, ein messianischer Begriff. Aus biblischer Perspektive verkörperte Persien keine willkürliche, sondern legitime Herrschaft. Das dürfte nicht zuletzt mit der persischen Religion zusammenhängen: dem Zoroastrismus. Dieser entwickelte früh Konzepte, die später auch im Judentum, Christentum und Islam auftauchen – das individuelle Totengericht (Chinvat-Brücke), die Auferstehung der Toten und ein göttliches Endgericht.

Yazd (Iran): Feuertempel des Zoroastrismus

Zivilisationsgeschichtlich von herausragender Bedeutung ist dabei Folgendes: Die persische Religion wandte sich früh gegen kultische Blutopfer – auch wenn sie vereinzelt noch vorkamen –, und dies zu einer Zeit, als bei Griechen und Römern Tieropfer als selbstverständlicher Bestandteil religiöser Ordnung galten. Auch im antiken Judentum existierten Tieropfer; bei den Kelten waren seinerzeit sogar Menschenopfer kultisch institutionalisiert. Während andere Kulturen fragten: „Was müssen wir opfern, um die Götter zu besänftigen?“, stellte der Zoroastrismus die Gegenfrage: „Wie müssen wir handeln, um die Welt zu verbessern?“ Der Zoroastrismus zählt zu den frühesten monotheistischen Religionen der Menschheitsgeschichte.

Ruinen von Ritualgebäuden in der Nähe des zoroastrischen Turms des Schweigens von Dakhmeh, Yazd.

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