Dann habe ich versucht, den Kopf des Mannes aufzurichten und wollte versuchen, ihn zu beatmen, aber das hat überhaupt nichts gebracht“, erzählt eine junge Frau mit leicht zitternder Stimme. Sie war erst 26 Jahre alt und hatte gerade ihr Medizinstudium abgeschlossen, als sie einem Feuerwehrmann, der unaufhörlich versuchte, den älteren Mann in ihren Armen zu reanimieren, sagen musste: „Das geht nicht“. Sein Hals war „total verdreht“.
„Als wir dann aufgehört haben, war eine Frau daneben, die gesagt hat: Was ist los? Warum hört ihr auf?“ Shufan Huo musste ihr die schrecklichste aller Nachrichten überbringen: „Er ist tot“ – ein Schicksal, dem die junge Frau selbst nur um Zentimeter entgangen ist. Als der islamistische Attentäter Anis Amri am 19. Dezember 2016 mit einem gestohlenen LKW in den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche raste, verfehlte er sie nur knapp. So knapp, dass sie der Luftzug des Fahrzeugs hart im Gesicht traf.
Sie war selbst im Schock, hatte den Impuls wegzulaufen, tat es aber nicht. Die 26-Jährige versuchte zu helfen – zwischen Trümmerteilen, Blaulicht und verzweifelten Menschen. Wie der Frau, die nun vor ihr kniete, die laut schrie, schluchzte und das Gesicht des toten Mannes auf dem Boden küsste. „Ich wusste nicht, was ich machen soll“, erzählt Huo neun Jahre später einem Fernsehteam. Kurz danach hilft sie zwei Sanitätern, einer jungen Frau einen Zugang zu legen. Ihr Name ist Fabrizia Di Lorenzo. Eine italienische Studentin, die gerade einmal fünf Jahre älter ist als Shufan Huo.
Im Krankenhaus kämpfen die Ärzte noch verzweifelt um das Leben der 31-Jährigen, während Huo sich blutverschmiert im Warteraum der Klinik wiederfindet. Später erfährt sie: Fabrizia hat es nicht geschafft. Sie und 12 weitere Menschen sind tot – ein 13. Opfer stirbt fünf Jahre später, am 5. Oktober 2021, an den Folgen seiner Verletzungen. Sascha Hüsges hatte wie Shufan Huo als einer der ersten vor Ort geholfen. Er und sein Mann Hartmut waren unverletzt geblieben. „Pass du auf den Hund auf, ich schau mal, ob ich irgendwie helfen kann“, sagte Sascha und zog los.
Als er kreidebleich zurückkehrte, war Hartmut klar, dass etwas nicht stimmt: Sascha wurde von einem herabstürzenden Balken am Kopf getroffen. Im Krankenhaus stellte man eine Gehirnblutung fest, er wurde ins künstliche Koma versetzt und operiert. Er konnte nie wieder laufen oder sprechen – nur blinzeln und ein bisschen die linke Hand bewegen. Sascha Hüsges musste bis zu seinem Tod gepflegt werden. Er war das letzte Opfer von Anis Amri, das erste war der polnische LKW-Fahrer Łukasz Urban.
Im Chaos und der Panik war zunächst nicht klar, ob der 37-Jährige, den man tot auf dem Beifahrersitz des LKW gefunden hatte, etwas mit dem Anschlag zu tun hatte. Später wurde klar: Amri hatte den Familienvater, der gerade aus Italien kam und Stahlkonstruktionen geladen hatte, mit einem Kopfschuss hingerichtet.
Der polnische Speditionsbesitzer Ariel Zurawski, der seinen Cousin Łukasz als einen der letzten guten Fahrer bezeichnete, erzählte später, dass es anhand von GPS-Daten so aussah, „als wenn jemand geübt hätte, den Wagen zu fahren“. Ob das Amri war und Łukasz zu diesem Zeitpunkt schon tot war, bleibt bis heute ungeklärt. Zurawski ist sich aber sicher, dass sein Cousin bis zuletzt gekämpft hat – auf den Fotos, die man ihm zur Identifikation gegeben hat, soll Łukasz deutlich sichtbar Schlag- und Schnittwunden gehabt haben.
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