Der Name in der Überschrift irritiert möglichweise den einen oder anderen. Geduld, die Auflösung folgt schnell. Und eines vorab: Der eine oder andere Leser von Tichys Einblick mag sich fragen, ob der dritte Text in kurzer Folge, in dem es jedenfalls auf den ersten Blick um Robert Habeck geht, nicht auf eine gewisse Obsession des Autors hindeutet. Tut es nicht, denn wie in den anderen Stücken geht es nicht um seine Person, die für eine obsessive Befassung gar nicht so viel Stoff bietet, sondern um ihn als Zeittypus. Dass jemand mit diesem Zuschnitt bis in diese Position aufsteigt, sagt nicht so sehr etwas über ihn aus, sondern über die Zeit und die Gesellschaft, aus der er kommt. Und von den vorhergehenden Texten unterscheidet sich unsere Figur durch die Fusion zweier Namen, wobei der eine eher Ostdeutschen etwas sagen dürfte, und unter denen vor allem den etwas Älteren. Es handelt sich um Kurt Hager, den obersten Propagandisten der SED, die in den Achtzigern noch pur und unter Originalnamen existierte.
Eine größere Öffentlichkeit nahm von diesem Funktionär erst Kenntnis, als am 9. April 1987 ein Interview mit ihm im Stern erschien, das die SED-Parteizeitung Neues Deutschland einen Tag später in voller Länge nachdruckte. Die Stern-Leute fragten, was denn die SED-Führung von dem Perestroika-Kurs des neuen sowjetischen Generalsekretärs Michael Gorbatschow halte, worauf Hager mit einem semioriginellen Bild antwortete: „Würden Sie, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?“ Möglicherweise ging ihm durch den Kopf, dass in morschen Gebäuden leicht die ganze Wand hinterherkommt, wenn man nur an der Tapete rührt. So ähnlich kam es in der UdSSR ja auch, zwei Jahre später ebenfalls im Oststaat. Jedenfalls ließ das Politbüromitglied damit jeden wissen, in der Honeckerei würde es noch nicht einmal zu ganz oberflächlichen Änderungen kommen, also zu einem immer noch hoffnungslos verkrachten Sozialismus mit einem wenigstens nicht mehr ganz so verbissenen Gesicht. Allein die Zumutung, dass der große Bruder in Moskau seinen Hintersassen in Ostberlin etwas Auffrischung empfahl, empfand man dort als unerhört.
Als Reaktion erhielt Gorbatschow das kollektive Verachtungsschnauben von 21 deutschen Politbürokraten. Die Analogie zur Gegenwart trägt natürlich nicht unendlich weit; die Vereinigten Staaten befinden sich bekanntlich in einer unendlich besseren Position als der Konkursfall Sowjetunion, den Gorbatschow ab 1985 noch zu retten versuchte. Damals ging es ihm auch nicht ernsthaft um Bürgerrechte und Meinungsfreiheit im klassisch westlichen Stil, sondern darum, die einen oder anderen Probleme überhaupt vorsichtig anzusprechen. Aber trotz aller Unterschiede reagierte das politisch-mediale Juste Milieu der Bundesrepublik auf die Rede von J. D. Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz sehr, sehr ähnlich wie damals die ältlichen Herren am Werderschen Markt, nämlich mit erzversteinerten Mienen, einem verächtlichen Schnauben und natürlich dem tiefen Bedauern, den amerikanischen Vizepräsidenten wegen der Abhängigkeits- und Stärkeverhältnisse nicht abbürsten zu können wie einen Viktor Orbán. Für sie gilt nämlich der Satz Karl Valentins: „Merken Sie sich eins: Sie sind nicht abhängig von mir – aber ich von Ihnen.“
Was sagte der Politiker, Unterschichtskind, Jurist, bis vor kurzem noch erfolgreicher Buchautor und Senator von Ohio in München so Ungeheuerliches? Er stellte die Frage, was das westliche Bündnis eigentlich in Zukunft verteidigen soll. Biden hätte es genauso wie die politische Elite der EU bei der Begriffshülle „westliche Werte“ ohne nähere Inhaltsangabe belassen. Vance eben nicht.
Er zählte die konkreten gesetzlichen Rechtseinschränkungen in Großbritannien auf – in Schottland beispielsweise steht selbst ein stilles Gebet vor einer Abtreibungsklinik unter Strafe, in einer bestimmten Zone selbst für Anwohner in deren eigener Wohnung bei geöffnetem Fenster –, streifte die Praxis der deutschen Meldestellen und die bisher präzedenzlose Annullierung einer Wahlrunde in Rumänien nur auf Grund von geheimdienstlichem Geraune über eine Einmischung aus dem Ausland, um schließlich zu einem zentralen Punkt zu kommen: der Stigmatisierung von Politikern, die sich für eine Begrenzung der Armutsmigration nach Europa einsetzen, und dem faktischen Ausschluss der Wähler, die solche Restriktionen wünschen. Hier ein längerer Auszug aus der Vance-Rede:
„…lassen Sie mich auch fragen, wie Sie überhaupt anfangen wollen, über die Art von Budgetfragen nachzudenken, wenn wir nicht wissen, was wir überhaupt verteidigen? Ich habe in meinen Gesprächen bereits viel […] darüber gehört, wovor Sie sich verteidigen müssen, und das ist natürlich wichtig. Aber was mir und sicherlich vielen Bürgern Europas etwas weniger klar zu sein scheint, ist, wofür genau Sie sich verteidigen.
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