Den meisten Aufschluss darüber, was mit der letzten Wahl anders geworden ist, verspricht ein Blick auf die Landkarte. Da erkennt man, dass etliche Jahre nach der Wiedervereinigung die alte Demarkationslinie, die Zonengrenze, wieder sichtbar wird. Sie teilt das Land von Neuem, diesmal in einen fast durchgehend blau gefärbten Osten und einen überwiegend schwarzen Westen, aufgelockert durch ein paar rote Flächen im Norden und grüne Einsprengsel im Süden des Landes. Im Osten liegt die AfD auf allen Ebenen – in Kreisen, Städten und Gemeinden – weit vorn. Zwar hat sie auch im Westen zugelegt, ist hinter der CDU – und vor der SPD! – zweitstärkste Kraft geworden, doch nur im Osten ist die AfD unangefochten das, was CDU und SPD gern sein wollen, aber nicht mehr sind: eine Volkspartei. Die einzige, die diesen Namen auch verdient.
Westparteien gibt es reichlich, aber nur zwei genuine Ostparteien: neben der AfD die Linke, die Nachlassverwalterin von SED und PDS. Ihr gutes Abschneiden im Osten war vorhersehbar – nur eingefleischte Westler konnten sich überrascht fühlen. Denn ähnlich wie die AfD versteht sich auch die Linke als Protestpartei, und Protest kommt unter Leuten, die sich übergangen, gedemütigt, um ihre Lebensleistung – wie die ständig wiederholte Formel lautet – betrogen fühlen, gut an. In diesem Klima hat die Linkspartei das BSW, das im Osten nicht zu Unrecht als Westpartei wahrgenommen wird, mühelos überrundet. Sie wäre wohl noch stärker geworden, wäre ihr die AfD als Anwalt der Entrechteten, der Mühseligen und Beladenen nicht um Jahre voraus gewesen. Aber die Rolle zieht: Ausgerechnet in Thüringen, wo die AfD schon seit Jahren stärkste Partei ist, hat Bodo Ramelow, der langjährige Ministerpräsident, für die Linke den zentralen Wahlkreis Erfurt-Weimar erobert. Die übrigen Wahlkreise gingen an die AfD, die andere Protestpartei.
Klarer wird das Bild erst dann, wenn man das Rechts-Links-Schema durch das Ost-West-Gefälle ersetzt und die Wahl als eine Abrechnung versteht, mit der sich die Ostdeutschen Luft machten über das Unrecht, die Willkür und die Leiden, die ihnen der Westen zugefügt haben soll. Bodo Ramelow mag aus dem Westen stammen – als ehemaliger Ministerpräsident von Thüringen wird er als Anwalt des Ostens wahrgenommen, ähnlich wie Björn Höcke oder Alexander Gauland, die ähnliche Biografien hinter sich haben.
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