In geopolitisch bewegten Zeiten ist es recht und billig, dass Fragen der Landesverteidigung zunehmend in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Das gilt selbstverständlich auch für die Bundeswehr, der als kämpfende Institution dieser Tage ein besonderes Augenmerk gilt. Sie unter die Lupe zu nehmen, ist eine Sache. Dass sie derart unter die Räder kommt, ist jedoch zutiefst ungerecht. An der medialen Skandalisierung unserer Soldaten beteiligen sich auch die politische Führung, die Parteien, Fachpolitiker und sogar Teile der Generalität.
Der Missmut, der der Truppe entgegenschlägt, ist fehlgeleitet. Allen voran trifft er jüngst die Fallschirmjäger und ist damit in neun von zehn Fällen an die Falschen adressiert. Der „Aktionsplan Luftlandetruppen“ unterstreicht das nur. Das kolportierte Zerrbild über die Streitkräfte entspricht nicht der Realität, vor allem aber übertüncht die hysterische Vorverurteilung ganzer Regimenter zahlreiche handfeste Probleme, die es dringend zu lösen gilt.
Deutsche Fallschirmjäger beim Training
Womöglich macht sich jemand einmal die Mühe, die deutschsprachigen Zeitungsbeiträge und Fernsehsendungen zu zählen, die in letzter Zeit im Kontext der Verteidigungspolitik erschienen sind. Ich kann Ihnen keine genaue Zahl nennen, jedoch dürften wir zügig zur einhelligen Überzeugung gelangen, dass die Berichterstattung über die Bundeswehr und verwandte Themen in den vergangenen Jahren, wenn nicht Wochen, exponentiell zugenommen hat. Vorgänge, die ich mir als Militärjournalist zuvor in mühevoller Kleinarbeit aus Nischenpublikationen zusammenklauben musste, werden nun im Akkord in reichweitenstarken Beiträgen publiziert. Dass dabei häufig die immer selben Experten mit einseitigen Analysen zu Wort kommen, ist eine Schattenseite des aufgeflammten Interesses an der Truppe; ein Umstand, der in dieser Kolumne im Dezember letzten Jahres bereits umfassend thematisiert wurde. Die landesweite Skandalisierung des Fallschirmjägerregiments 26 ist nun eine höher skalierte Neuauflage der fünf Jahre alten Empörungswelle über das Kommando Spezialkräfte (KSK), und wieder einmal sollen die Soldaten für Führungsschwächen auf höchster Ebene den Kopf hinhalten. Dabei sind diese und andere Vorfälle durchaus exemplarisch, allerdings auf eine völlig andere Weise, als es der breiteren Öffentlichkeit vermittelt wird.
Als Bundesverteidigungsminister Pistorius vor drei Tagen in die Sendung von Caren Miosga zugeschaltet ist, trägt er eine staatstragende, schwarz-rot gestreifte Krawatte. Er findet, die Äußerung des US-Präsidenten über Donald Trump, alliierte Soldaten hätten bisher einen zu zurückhaltenden Beitrag geleistet, verdiene eine Entschuldigung. Damit hat er recht: 119 deutsche Soldaten sind in Auslandseinsätzen gestorben, – Einsätze übrigens, in die Deutschland den USA und der NATO gefolgt ist. 59 dieser Kameraden allein haben ihr Leben in Afghanistan gelassen. Zwar stimmt es, dass deutsche und europäische Soldaten in Einsätzen allgemein zurückhaltender agieren, dies liegt jedoch nicht an einer womöglich durch den US-Präsidenten implizierten Feigheit der Kampftruppen, sondern an der strategischen Zurückhaltung der politischen Führung und der unangemessenen Ausrüstung – ein anderes Thema. Zur Ironie der Geschichte zählt, dass kaum ein anderer Teil der Bundeswehr in Ausübung seiner Gehorsamspflicht einen derart hohen Blutzoll gezahlt hat wie die Fallschirmjäger. Das – wenn man es überhaupt so bezeichnen kann – berühmteste Gefecht der bundesdeutschen Geschichte, das sogenannte „Karfreitagsgefecht“, wurde von einem Fallschirmjägerbataillon ausgetragen. Es entbehrt wohl nicht einer gewissen Dissonanz, dass der Verteidigungsminister gegenüber Amerika eine Entschuldigung fordert, während ausgerechnet diese Soldaten im eigenen Land einem disziplinarrechtlichen und medialen Spießrutenlauf ausgesetzt sind. Die Deutschen tun sich schwer mit dem Andenken an die gefallenen Bundeswehrsoldaten: Denkmäler stehen fast ausschließlich im Wald oder in Liegenschaften der Bundeswehr, Feiertage und Gedenkveranstaltungen finden hinter abgeriegelten Torposten statt. Kaum ein Politiker, Experte oder Journalist kennt ihre Namen, auch die Zivilgesellschaft nicht.
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