In seiner Neujahrsansprache, die der Papst am Freitag bei der Audienz für die Mitglieder des am Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomatischen Korps hielt, ließ Leo XIV. mit einigen Anmerkungen aufhorchen, die seinem Vorgänger im Amt, Papst Franziskus, wohl nicht über die Lippen gekommen wären.
Leo XIV. sprach vor den Botschaftern über unsere „von Spannungen und Konflikten geplagte“ Zeit. Ausgehend vom Werk des heiligen Augustinus „De Civitate Dei“ (Vom Gottesstaat) aus dem 5. Jahrhundert – laut Papst Benedikt XVI. „ein eindrucksvolles und für die Entwicklung des abendländischen politischen Denkens und für die christliche Geschichtstheologie entscheidendes Werk“ – stellte er Überlegungen zu grundlegenden Fragen des gesellschaftlichen und politischen Lebens an, wie etwa die Suche nach einem gerechteren und friedlicheren Zusammenleben der Völker.
Er mahnte dabei eine menschenwürdige Behandlung von Migranten an und warb für eine friedliche Weltordnung und die Einhaltung des Völkerrechts. Auf ethischem Gebiet sprach er sich entschieden gegen ein „Recht auf Abtreibung“ sowie gegen Leihmutterschaft und aktive Sterbehilfe aus. In seiner Rede ging das Oberhaupt der katholischen Kirche auch auf aktuelle Krisen ein, ohne konkrete Staaten oder Regierungschefs namentlich zu kritisieren. Am überraschendsten waren dabei zwei Positionen: zur Meinungsfreiheit auch in westlichen Demokratien und zur Christenverfolgung vor allem in der islamischen Welt.
Zum Thema Meinungsfreiheit hatte sein Vorgänger, Papst Franziskus, seine eigene Ansicht. Nach dem islamistischen Terroranschlag auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo 2015 sagte er: „Man darf nicht provozieren. Man darf den Glauben anderer nicht beleidigen. Man darf sich nicht über den Glauben lustig machen.“ Er ergänzte damals, dass Beleidigungen von Religionen eine Reaktion wie eine „Faust“ provozieren könnten, und warnte vor Grenzen der Redefreiheit, um Respekt vor dem Glauben zu wahren.
Papst Franziskus fiel nicht mit islamkritischen Äußerungen auf.
Papst Leo hingegen trat in seiner Rede für die uneingeschränkte Meinungsfreiheit ein, die er gleich viermal erwähnte.„Die Rede- und Meinungsfreiheit wird gerade durch die Gewissheit der Sprache und die Tatsache garantiert, dass jeder Begriff in der Wahrheit wurzelt. Es ist daher bedauerlich festzustellen, dass insbesondere im Westen der Raum für echte Meinungsfreiheit immer mehr eingeschränkt wird, während sich eine neue Sprache mit orwellschem Beigeschmack entwickelt, die in ihrem Bestreben, immer inklusiver zu sein, darin mündet, diejenigen auszuschließen, die sich nicht den Ideologien anpassen, von denen sie beseelt ist.“
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