Das Wirtschaftswunder? Eine Aufbauleistung türkischer Gastarbeiter in den 1960er Jahren. Ludwig Erhard? Hat damit nichts zu tun. Es ist eine Botschaft, die führende CDU-Politiker neuerdings verbreiten. Damit knüpfen sie an die neue Geschichtsschreibung der SPD an.
Ausgerechnet Bundeskanzler Friedrich Merz führt den Stift der neuen Historiker: Bei seinem Besuch in Ankara im Oktober 2025 sagte er, ohne die „Gastarbeiter“ und ihre Familien „hätte Deutschland vor 60 Jahren den wirtschaftlichen Aufschwung nicht so beginnen können, wie wir ihn begonnen haben“. Vor 60 Jahren, also 1965. Da war das „Wirtschaftswunder“-Jahrzehnt schon längst vorbei.
Es scheint die Linie des Kabinetts zu sein: die Behauptung, dass das deutsche Wirtschaftswunder erst durch die türkischen Gastarbeiter bewirkt wurde. Denn CDU-Außenminister Johannes Wadephul hatte gegenüber der türkischen Zeitung Hürriyet zuvor gesagt: „Es waren Menschen aus der Türkei, die das Wirtschaftswunder möglich gemacht & Deutschland mit aufgebaut haben.“
Eine Korrektur des Wadephul-Diktums durch Merz bei seinem Besuch bei Erdogan, der ausführlich auf den Beitrag der türkischen Gastarbeiter zum Aufschwung Deutschlands einging, ist nicht überliefert.
Beide, Merz und Wadephul, knüpfen an einen Mythos an, den der damalige Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) 2018 in Goslar fabulierte: Deutschland habe viel davon profitiert, dass Menschen insbesondere aus der Türkei nach dem Zweiten Weltkrieg zu uns gekommen seien „und das Land aufgebaut haben“. Und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte am 22. April 2024 am Bahnhof Sirkeci in Istanbul: „Sie [die türkischen Migranten] haben unser Land mit aufgebaut, sie haben es stark gemacht …“
Nun kann man verstehen, dass die SPD, die gegen Ludwig Erhards 1948 eingeleitete Wirtschaftsreformen von Anfang an gemeinsam mit KPD und den Gewerkschaften Stimmung machte, was im November des gleichen Jahres in einen Generalstreik gegen die Reformen mündete, gerne die historische Leistung des Wirtschaftswunder-Ministers und CDU-Kanzlers Ludwig Erhard kleinreden will.
Bei Merz und seiner CDU wundert es schon mehr. Immerhin ist Merz Mitglied der gleichnamigen Stiftung, die von Erhard selbst gegründet worden war. 2018 wurde Merz für den Ludwig-Erhard-Preis für Wirtschaftspublizistik vorgeschlagen – wenn auch gegen massive Kritik wegen seiner Blackrock-Tätigkeit. Offensichtlich aber unterwirft sich Merz nicht nur in der Politik seinem Koalitionspartner SPD, sondern folgt auch deren Geschichtsbetrachtung.
Dabei war es umgekehrt: Das deutsche Wirtschaftswunder ermöglichte es, die bitterarme und rückständige Türkei an den Westen zu binden. Der Wohlstand „made in Germany“ sollte das Land wirtschaftlich stabilisieren und gegenüber der NATO verpflichten. Die persönliche Leistung der türkischen Gastarbeiter kann dabei keinesfalls in Frage gestellt werden. Aber hier werden Ursache und Wirkung vertauscht. Wadephul hat vergessen, dass es „Trümmerfrauen“ gab, die 1945 anpackten. Dass es acht Millionen Vertriebene waren, die anpackten. Dass es 2,7 Millionen DDR-Bürger waren, die den Westen mit aufbauen halfen. Alles bereits ab Ende der 1940er und in den 1950er Jahren.
Da verdreifachte sich das Bruttoinlandsprodukt. Da boomte Deutschland (West) als Exportnation. Da schulterte die Bundesrepublik den Aufbau der Bundeswehr. Da baute die Bundesbank Devisenreserven und Goldbestände auf. Da wurde die D-Mark mehrfach aufgewertet. Da war der Wandel der vielen ländlich-agrarisch geprägten Regionen zu Industrieregionen in Gang gekommen.
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