Kein Mensch der Weltgeschichte ist so oft dargestellt worden wie Maria, die Mutter Jesu aus Nazareth. Ihre Portäts haben weltweit in katholischen Kirchen einen Ehrenplatz, sie verschönern fromme Haushalte aller Länder bis heute und füllen die Museen der Welt als Zeugnisse der Kunstgeschichte. Im katholischen Herzland, in Rom, Neapel oder Palermo grüßen von zahllosen Häuserecken die „Madonelle“, kleine Madonnenbildnisse, in Form von Fresken, Mosaiken, Figuren, Reliefs, in Marmor oder Terrakotta.
Alle diese Mariendarstellungen entspringen der frommen Phantasie ihrer Schöpfer. Doch nach einhelliger Überzeugung in der orientalischen und orthodoxen Christenheit, aber auch in weit verbreiteten Traditionen der Volksfrömmigkeit im lateinischen Abendland, wurde Maria zu ihren Lebzeiten von zumindest einem Künstler im Original porträtiert: dem Evangelisten Lukas. Man glaubt hier, dass er von Beruf sowohl Arzt als auch Maler war. Deshalb nannten sich vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit Malervereinigungen „Lukasgilden“.
Paul Badde, ehemals Reporter der FAZ und Korrespondent der WELT, zuerst in Jerusalem und später in Rom, ist dieser Frage Jahrzehnte lang nachgegangen: Hat der Arzt Lukas tatsächlich im 1. Jahrhundert nicht nur das dritte Evangelium und die Apostelgeschichte verfasst, sondern das erste Bild Marias „geschrieben“ (wie man in der Ostkirche die Herstellung von Ikonen bezeichnet)? Hat womöglich Maria selbst ihm in Jerusalem Modell gesessen? Allein in Rom gibt es mindestens sieben Marienbilder, die dem Hl. Lukas zugeschrieben werden, sogenannte „Lukas-Ikonen“.
Am 10. Januar 2005 glaubt der „Indiana Jones des Katholizismus“ (wie er von vielen der Leser seiner Bücher genannt wird) in Rom die „Ur-Ikone“ entdeckt zu haben. Es handelte sich um das Gnadenbild der „Maria Advocata“, das von den klausurierten Dominikanerinnen behütet wird und gegenwärtig in ihrem Kloster auf dem Monte Mario seine Heimat hat. Und er identifiziert mehrere vorgebliche Lukas-Ikonen als offensichtliche Kopien des Ur-Bildes. Badde veröffentlichte am 3. Januar 2007 in der WELT einen ersten Bericht, der zahllose Leser erstmals mit diesem Schatz bekannt machte.
„Wahrheit wird nicht in erster Linie durch Argumente, sondern durch Evidenz vermittelt,“ schrieb der große Philosoph Robert Spaemann kurz vor seinem Tod an Badde, der auch ihn zur Advocata hinaufgeführt hatte. Diese Erkenntnis könnte ein Motto für Baddes neues Werk sein, in dem er mit allen Stilmitteln der von Hans Magnus Enzensberger wieder zu ihrem künstlerischen Recht erhobenen literarischen Reportage darlegt, dass diese Ikone den großen Marienheiligtümern in Guadalupe, Fatima oder Lourdes nicht nachsteht, sondern sogar als eine ihrer vornehmsten gelten muss.
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