Am Mittwoch, den 18. August 1976, hatte sich Oskar Brüsewitz im Talar auf dem Marktplatz der Stadt Zeitz im Süden von Sachsen-Anhalt verbrannt. Brüsewitz war Familienvater, Kleinbauer im Nebenerwerb und Pfarrer mit den bestbesuchten Gottesdiensten im Kirchenkreis. Mit einer Milchkanne hat er 20 Liter Benzin über sich ausgekippt und sich dann mit einem Streichholz angezündet. Diese öffentliche Selbsttötung vor ca. 150 zufälligen Passanten und in Sichtweite der Räumlichkeiten seines kirchlichen Vorgesetzten war durch ein Transparent an seinem Auto als politische Aktion gekennzeichnet: „Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an! Wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen.“ In der Tat war das DDR-Schulwesen mit seiner ideologischen Propaganda und der eklatanten Benachteiligung von christlichen Schülern ein großes Übel.
Schon seit längerem hatte Brüsewitz den Christen und den Kirchen in der DDR vorgeworfen, dass sie viel zu zurückhaltend und zu „doppelzüngig“ gegenüber dem Staat wären, der sich in vielen Bereichen als Macht der Finsternis gebärde. Brüsewitz kämpfte offensiv und kreativ für den christlichen Glauben gegen die atheistische Staatswahrheit und forderte seine Pfarrkollegen und Gemeindeglieder auf, es ebenso konsequent zu tun. Damit brachte er Unruhe in seine Kirche, in der unter den Gemeindegliedern und Pfarrkollegen genügend „progressive“ Freunde der sozialistischen Ideen waren. Es ist die Frage, ob ein Mensch, der sich für den offensiven Kampf gegen eine Diktatur entscheidet, dies auch von anderen einfordern darf.
Während die Stasi bis 1989 jede Recherche über Brüsewitz verhinderte, enttäuschten die kirchlichen Personalakten nach der Wende, die aufgrund kircheninterner Vermerke an entscheidenden Stellen ausgedünnt waren. Doch jetzt hat Professor Wolfgang Stock die Akten der Volkspolizei im Landesarchiv Sachsen-Anhalt einsehen dürfen. Die Volkspolizei hatte in Zusammenarbeit mit der Stasi über Jahre den Auftrag gehabt, den Einfluss von Brüsewitz „zurückzudrängen“, ihn „politisch zu isolieren“ und ihn „durch Zersetzungsmaßnahmen mürbe“ zu machen. Zum Repertoire der Stasi gehörten anonyme Briefe gegen Brüsewitz an die Kirchenleitung und wahrscheinlich auch die Brandstiftung seiner Pfarrscheune. Der Brand konnte vor der Ausweitung auf das Pfarranwesen gelöscht werden, da „zufällig“ die Feuerwehr gerade unterwegs war und den Brand unmittelbar löschen konnte. Die Feuerwehr fragte Brüsewitz zuvor noch, ob sie den Brand löschen solle oder ob Brüsewitz lieber auf Regen von Gott warten wolle.
Professor Stock hat recherchiert, dass der engagierte Brüsewitz sich im Dezember 1975 mit einer Petition direkt an DDR-Staatschef Erich Honecker gewandt hat zwecks Begnadigung eines sechsfachen Familienvaters vor dem Weihnachtsfest. Brüsewitz hatte Honecker angeboten, stellvertretend für den Mann die Haftstrafe abzubüßen. Damit geriet Brüsewitz noch zusätzlich in das Visier der höchsten SED-Ebene, die diese Aktion als grenzüberschreitend und „unerhört“ angesehen hat. Nun wurde massiv mit den Partei- und Staatsorganen Druck auf die Kirche ausgeübt, Brüsewitz zu versetzen oder in den Westen abzuschieben.
Die Kirche hatte sich den Wunsch des Staates zu eigen gemacht und Brüsewitz eine Versetzung „vorgeschlagen“. Vielleicht wäre das die Möglichkeit eines weniger verbissenen Neuanfangs gewesen. Doch Brüsewitz reagierte zurückhaltend. Die bevorstehende Zwangsversetzung war sicherlich auch ein Motiv für seine Selbstaufopferung. Wolf Biermann, der später 1976 aus der DDR ausgewiesen wurde, spielte wohl auf Oskar Brüsewitz an, als er in einem Gottesdienst in Prenzlau sagte, dass es neben der Flucht in die BRD und neben der Flucht ins Private noch eine dritte Möglichkeit der „Republikflucht“ und des „Abhauens“ gäbe: den Tod.
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