Für ein paar wenige Tage hat es Venezuela im Juli dieses Jahres geschafft, die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich zu ziehen: Durch Massenproteste und gewalttätige staatliche Repressionen – ausgelöst durch die offenkundig gefälschte Präsidentschaftswahl. Nun ist das Land wieder weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden. Obwohl der sozialistische Machthaber Nicolas Maduro die Opposition und weite Teile der Bevölkerung noch immer mit allen Mitteln kriminalisiert und verfolgt. Bis November 2023 sind deshalb 7,7 Millionen Menschen aus dem Land geflohen – 20 Prozent der Staatsbürger.
In Venezuela haben sie für sich und ihre Familien keine Perspektive mehr gesehen. Das sozialistisch regierte Land an der Nordküste des südamerikanischen Kontinents ist seit Jahren von schweren Wirtschaftskrisen, Hyperinflation, Kriminalität und Korruption gebeutelt. Über 90 Prozent der Venezolaner leben in Armut, die Mordrate ist die dritthöchste der Welt, beim Demokratieindex rangiert das Land auf Platz 147 von 167, auf der Rangliste der Pressefreiheit auf Position 159 von 180, in Sachen Korruption auf Platz 177 von 180 und im Index für wirtschaftliche Freiheit auf dem vorletzten Platz.
Nach der wiederholten Wahlfälschung Maduros bei den Präsidentschaftswahlen Ende Juli dieses Jahres rechnen Experten nun mit einer weiteren Auswanderungswelle. Insgesamt drei bis vier Millionen Menschen könnten demnach in den nächsten Monaten das Land verlassen. Die Mehrheit derjenigen, die Venezuela bereits den Rücken gekehrt haben, ist in andere lateinamerikanische oder karibische Länder geflüchtet. Weitaus weniger, knapp fünfhunderttausend Venezolaner, sind in den letzten Jahren nach Spanien gekommen.
Eine von ihnen ist Palmira Valentina Quintero. Über die Zwischenstationen Kanarische Inseln, Madrid und Paris ist die studierte Zahnärztin mittlerweile nach Deutschland gekommen. Schon 2014 habe sie das erste Mal darüber nachgedacht, das Land zu verlassen, erzählt die 29-Jährige, die aus dem „Herzen Venezuelas“ stammt, wie der Bundesstaat Guárico umgangssprachlich auch genannt wird, im Gespräch mit Apollo News.
Damals kam es zu landesweiten Protesten gegen die Regierung – was man als Staatsstreich ansah – und mit Gewalt beantwortete. „Für mich waren dann die zweiten Massenproteste im Jahr 2017 der Wendepunkt. Die Proteste begannen im April, dauerten mehrere Monate an und entwickelten sich zu einer der angespanntesten und gewalttätigsten politischen Krisen in Venezuelas Geschichte“, sagt Quintero.
Auslöser der erneuten Protestwelle war die Entscheidung des regierungstreuen Obersten Gerichtshofs, die von der Opposition dominierte Nationalversammlung in ihren Befugnissen zu beschneiden – was de facto einer völligen Entmachtung des Parlaments gleichkam. Die Wut und Verzweiflung aufgrund des autoritär-repressiven Regierungsstils und der sich verschärfenden wirtschaftlichen Misere brach sich hunderttausendfach auf den Straßen und öffentlichen Plätze des Landes bahn. Wieder antwortete Maduros Regime mit Einschüchterung und Gewalt. Mehr als 120 Menschen wurden getötet, Tausende verletzt und verhaftet.
Dass es einmal so weit kommen würde, wagte 1998 wohl nur eine Minderheit der Venezolaner zu prognostizieren. In jenem Jahr, 1998, begann mit dem Wahlsieg von Hugo Chávez das sozialistische Experiment in Venezuela. Im Wahlkampf hatte der Anhänger Fidel Castros und Che Guevaras mit seinem betont populistischen, anti-elitären Auftreten und seinen Versprechen nach einer gerechten Verteilung der Erdöleinnahmen sowie einem konsequenten Vorgehen gegen Korruption gepunktet und daraufhin mit 56 Prozent der Stimmen den Sieg davongetragen.
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