„Sieh’, dein König kommt zu Dir. Ja, er kommt, der Friedefürst. Ewig steht dein Friedensthron.“ Ist die konkrete Erwartung des Friedens im weihnachtlichen Liederschatz nur ein frommer Wunsch? Wer sich intensiv mit Geopolitik befasst, zumal aus einer militärisch geprägten Perspektive, wird schnell zum Zyniker. Und so überrascht es nicht, dass wir uns in einer seit Monaten erscheinenden Kolumne mit dem Namen „Krieg und Frieden“ bisher immer mit dem einen, nie aber mit dem anderen befasst haben. Dabei ist der Frieden ebenso eine gewaltige Kategorie der Geopolitik wie der Krieg. Für Streitkräfte sind Friedensabkommen und Waffenruhen operativ anspruchsvoll, komplex und militärisch schwer umzusetzen. Für den einzelnen Soldaten wiederum bleibt ein gerechter Frieden inmitten von Kampfhandlungen ein ergreifender Sehnsuchtsort. Sun Tses „Die Kunst des Krieges“ ist ein Klassiker der Weltliteratur. In der Heiligabendausgabe wollen wir nun in Geschichte und Gegenwart der Frage nachgehen, was es zur Kunst des Friedens braucht.
Der bekannteste weihnachtliche Waffenstillstand dürfte sich im Jahre 1914 an der Westfront des ersten Weltkrieges zugetragen haben. Eine Vielzahl von bestätigten und unbestätigten Berichten haben zur Legendenbildung um dieses Weihnachtsfest im Schützengraben beigetragen, Filme und Bücher haben den Erzählstoff verarbeitet. Eine kurze Auffrischung Ihres Gedächtnisses: Ohne jeden Befehl von oben legten an der Westfront deutsche, britische und französische Soldaten für Stunden und teils Tage die Waffen nieder, verließen ihre Schützengräben, begegneten sich im Niemandsland als Menschen statt als Feinde, tauschten kleine Geschenke, sangen Weihnachtslieder, begruben gemeinsam ihre Toten und setzten damit für einen kurzen Moment die Kriegslogik außer Kraft.
Deutsche und britische Offiziere während der Weihnachtsfeuerpause 1914
Sogar von gemeinschaftlichem Gesang und ehrlich ausgetragenen Fußballspielen war die Rede. Heute lässt sich nicht mehr mit Gewissheit sagen, ob es neben vereinzeltem Kicken tatsächlich zu einer umfassenderen Verbrüderung zwischen den Feinden kam. Dass es letztlich recht wenige überprüfbare Quellen zur Frontweihnacht gibt, liegt auch daran, dass die Feuerpausen oft auf in den unteren Offiziersrängen vereinbart wurden und auf dem gegebenen Wort junger Ehrenmänner beruhten. In offiziellen Berichten an ihre Vorgesetzten tauchten derartige Vereinbarungen selten auf, und wenn doch, wurden sie nicht an die große Glocke gehängt. Hatte die kaiserliche Oberste Heeresleitung zu Weihnachten 1914 noch ausklappbare, gebrauchsfertig geschmückte Christbäume an die Front geschickt, um für etwas Weihnachtsstimmung zu sorgen, so befahl sie bereits im Folgejahr 1915 vorsorglich, eine Wiederholung des spontanen Weihnachtsfriedens zu unterlassen.
Der Waffenstillstand zu Weihnachten 1914 war vielleicht auch deshalb möglich geworden, weil sich unter den Soldaten eine erste Ernüchterung breitmachte. Immerhin hatte die Politik ihre erste wichtigste ausgegebene Parole, bis Weihnachten sei man wieder zuhause, erkennbar gerissen – ein baldiges Ende der Kampfhandlungen war nicht in Sicht. Aus dem Bewegungskrieg war ein Stellungskrieg geworden, wie es sich schon in anderen Konflikten der Epoche in kleinerem Maßstab gezeigt hatte (russisch-japanischer Krieg, Burenfeldzug). Auch an anderen Kriegsschauplätzen und zu allen Zeiten hat es immer wieder vorübergehende Einstellungen der Kriegshandlung gegeben, häufig aus humanitären Gründen wie Rettung und Bergung. Über die Weihnachtstage 1914 wird jedoch berichtet, dass deutsche und britische Truppen bei ihrem Beschuss sogar Rücksicht auf Teestunde und Mittagszeiten genommen haben sollen. Bloß ein fairer Handel? Oder ein erster Gedanke, dass die Soldaten des Feindes kulturell und habituell mehr mit einem selbst gemein haben als die eigenen Bürokraten in warmen Amtsstuben? Die Enttäuschung und Frust unter den Veteranen über die politische und militärische Klasse auch nach 1918 könnte ein Beleg für diese These sein. Indes muss gesagt werden, dass – anders als in der filmischen Rezeption der historischen Ereignisse – sich französische Einheiten in eher geringem Umfang an dem weihnachtlichen Frieden beteiligten.
Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) zum Bundeshaushalt 2027 | 06.07.26











