Die Wehrpflicht: Sie ist das Herzstück des neuen, zuweilen schwindelerregend neuen verteidigungspolitischen Diskurses in unserer Republik. Als ein derart bedeutsames Thema bringt die Wehrpflicht-Diskussion alle Aspekte moderner deutscher Debatten mit sich, die schon ihre Aussetzung vor beinahe fünfzehn Jahren geprägt hatten. Die Hauptrollen in diesem Drama spielen einerseits ein Mangel an geopolitischer Weitsicht und militärpolitischer, strategischer Expertise. Andererseits ein beinahe zwanghafter Moralismus, der mit Schwung in eindeutigen, kanonischen Kategorien von Gut und Schlecht denkt und dabei gelegentlich auftauchende Polsprünge gekonnt ignoriert.
So betrachtet ist es keine Überraschung, dass manche derjenigen, die noch vor kurzem die „Bundeswehr raus aus den Schulen“ jagen wollten, die Schüler nun nicht schnell genug in der Bundeswehr sehen können. Weil die Jugend sich allerdings nicht in ausreichender Zahl selbst dort sieht, steht eine entsprechende Pflicht im Raum. Immerhin, so die landläufige Erwartung, muss sich „Europa“ (Gott bewahre, dass das eigene Land überhaupt Erwähnung findet) womöglich bald einer russischen Invasion erwehren. Außerdem werden allerhand gesellschaftspolitische Vorstellungen auf der militärischen Folie verhandelt: Diese reichen von erzieherischen und integrativen Absichten über die Vorzüge des Ersatzdienstes für Altersheime bis hin zu der absolut dringlichen Überzeugung, dass eine Wehrpflicht Männer und Frauen gleichermaßen erfassen sollte.
Im Kreml oder auch in europäischen Nachbarstaaten mag man die Stirn runzeln, weshalb die Deutschen sich so leidenschaftlich über die Geschlechtergerechtigkeit einer hypothetischen Wehrpflicht zerstreiten, die sie vermutlich ohnehin nicht wirklich einführen werden. Doch das Land diskutiert seine Verteidigung, seine Energieversorgung oder seine Zuwanderung nun einmal nicht auf der Grundlage einer halbwegs geschickten Analyse und definierten Interessen, sondern spult mit ekstatischer Hartnäckigkeit zum sittlichen Teil vor.
Gleichzeitig streben vermeintliche Experten und feldbeförderte Sicherheitspolitiker explosionsartig in die Debatte. Wenn sie das vorherige Portefeuille auf der Suche nach der allerletzten Unze Selbstgeltung abgeerntet haben, ziehen sie als Nomaden weiter zu neuen Ufern. Dann bearbeiten sie das Ressort so lange mit den immergleichen Werkzeugen ihres begrenzten Repertoires, bis auch dort nichts mehr wächst. In welchem Sachgebiet gerade die größten Zelte stehen, erkennt man also meistens an der Eindeutigkeit, mit der Debatten völlig am Thema vorbeigeführt werden.
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