Wunschwelt gegen Wirklichkeit: Der Streit um die Energiewende hat gerade erst begonnen

vor 3 Monaten

Wunschwelt gegen Wirklichkeit: Der Streit um die Energiewende hat gerade erst begonnen
Bildquelle: Apollo News

Der Kern eines politischen Konflikts zeigt sich nicht immer in großen Reden, sondern diesmal in zwei Zeitungsartikeln. Nachdem Wirtschaftsministerin Katherina Reiche in der FAZ einen bemerkenswert realistischen Gastbeitrag zur deutschen Energiepolitik veröffentlicht hatte, hielt Nina Scheer dagegen – sie ist SPD-Bundestagsabgeordnete und energiepolitische Sprecherin ihrer Fraktion. Beide schreiben über die Energiewende. Doch nur eine von beiden beschreibt, wie das Energiesystem tatsächlich funktioniert. Die andere schreibt nur, wie sie es gerne hätte.

Reiche beginnt mit einer Feststellung, die in Deutschland fast schon als Tabubruch gilt: Die Energiewende verursacht enorme Zusatzkosten. Nicht die Kosten eines Windrads oder einer Solaranlage, sondern die Kosten des gesamten Systems, das nötig ist, um schwankenden Wind- und Solarstrom überhaupt nutzbar zu machen. Reiche nennt dafür konkrete Zahlen: 36 Milliarden Euro pro Jahr heute, 90 Milliarden Euro pro Jahr bis 2035.

Diese Zahlen sind nicht aus der Luft gegriffen, sondern gut begründet, wie eine aktuelle McKinsey-Analyse (Strommarktreport 2026) bestätigt. Die Studie zeigt, dass die Systemkosten des deutschen Stromsystems in allen betrachteten Szenarien bei rund 90 Milliarden Euro jährlich liegen werden. Und sie erklärt auch, warum.

Systemkosten steigen nicht zufällig, sondern systembedingt. Vier Faktoren sind entscheidend.

Erstens: Deutschland braucht trotz des Ausbaus erneuerbarer Energien nahezu die gleiche Menge an Kraftwerken wie zuvor; der Bedarf an gesicherter Leistung bleibt bestehen. Auch bei starkem Ausbau von Wind und Sonne müssen konventionelle Kraftwerke einspringen, wenn weder Wind weht noch die Sonne scheint. De facto entstehen zwei parallele Systeme – ein erneuerbares und ein konventionelles. Das treibt die Kosten erheblich nach oben.

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