Zum Zustand der Bundeswehr: Ein Vaterland, das mit sich ringt

vor 4 Monaten

Zum Zustand der Bundeswehr: Ein Vaterland, das mit sich ringt
Bildquelle: NiUS

Einhundertsechsundachtzigtausendvierhundertunddreiundzwanzig, sage ich meiner Frau heute Morgen beiläufig, und sie weiß sofort, was ich meine: Die aktuelle Personalstärke der Bundeswehr nachzuschlagen gehört tagein, tagaus zu meiner Nachrichtenlage. Die Zahl völlig überflüssigerweise als Wort ausschreiben zu dürfen, ist einer der Unterschiede zwischen Literatur und dem schnelllebigen Kurzmeldungs-Journalismus.

Zahlen sind verführerisch, vor allem in Militär und Politik, denn sie versprechen so etwas wie Eindeutigkeit. Die Deutschen mögen Zahlen und nennen sie oft gemeinsam in der heiligen Dreifaltigkeit mit „Daten und Fakten“. Hat jemand seine Zahlen nicht parat und wird von Markus Lanz dabei erwischt, stammelt er oder sie ganz unglücklich in die Studiokamera. Sowas soll mir lieber nicht passieren. Zahlen, nicht nur falsche Zahlen, können aber auch in die Irre führen, täuschen. Man kann sogar mit ihnen lügen.

Die Wahrheit ist: Wer von der Materie wenig Ahnung hat, der wird mit den Zahlen etwa so viel anfangen können wie ein Affe mit einer Uhr. Den Wasserstand der aktuellen Personalstärke der Bundeswehr zu prüfen, ist mehr ein Ritual als eine wirkliche Informationsbeschaffung. Ich erwarte schon seit Jahren nicht mehr ernsthaft, dass die Zahl plötzlich sprunghaft nach oben hüpft.

Das Personalamt der Bundeswehr vermutlich auch nicht. Zwar vermeldete es in der letzten Woche einen bescheidenen Anstieg (auch der Bewerberzahlen), doch insgesamt dümpelt die Anzahl der Soldaten seit langem im selben Bereich. Von der angestrebten Sollstärke von 260.000 aktiven Soldaten sind die Streitkräfte entsetzlich weit entfernt, in diese Lücke allein passten die Armeen mehrerer kleiner NATO-Partner. Dazu kommt eine weitere Kluft in der für die Abschreckung und den Wehrersatz so wichtigen Reserve, wo zwischen Anspruch (200.000) und Wirklichkeit (etwa 40.000) ein Unterschied vom Ausmaß beinahe einer Bundeswehr liegt. Kommen da im Vorjahresvergleich ein paar tausend hinzu, ist das zwar erfreulich, allerdings zeichnet sich noch lange kein Trend ab. Wäre es doch ein Trend, bräuchte die Bundeswehr in dieser Geschwindigkeit über hundert Jahre, um auf ihre Sollstärke anzuwachsen. Und selbst dann wäre sie personell in etwa halb so groß wie die (damals nur westdeutsche) Armee der 1970er und 80er Jahre.

Das ist nicht gut. Leute, die unseren Soldaten und unserer herrlichen Armee ganz im Allgemeinen aufrichtig gewogen sind, kritisieren diese – und andere – Zahlen zu Recht. Leute, die der Bundeswehr ganz und gar nicht gewogen sind, machen sich darüber her, wie schon über frühere Berichte zur Einsatzbereitschaft der Ausrüstung.

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