In der Uhlandstraße in Berlin-Wilmersdorf vermischen sich Gewalt und Gier zu einem toxischen Cocktail. Roma-Familien sorgen für Chaos und Unfrieden, während ein Vermieter sich an ihrer Unterbringung bereichert. Und dann wird auch noch ein abgelehnter Asylbewerber ermordet. Im Westen der Hauptstadt zeigt sich exemplarisch, wie schnell ein einstmals bürgerliches Stadtviertel kippen kann – zum Leidwesen der Anwohner.
Am 23. Juni 2024 flattern rot-weiße Absperrbänder vor der Uhlandstraße 137. Während das Land gebannt auf das EM-Spiel der DFB-Elf gegen die Schweiz wartet, huschen Spurensicherer in weißen Overalls über den Asphalt in Berlin-Wilmersdorf. Im Hausflur eines sechsstöckigen Altbaus liegt ein blutüberströmter Mann: Abdihannan M., 24 Jahre alt, Somalier. Rettungskräfte kämpfen verzweifelt, doch die drei Messerstiche, die seine Hauptschlagader, Herz und Lunge durchbohrt haben, lassen keine Chance.
Um 16:10 Uhr stellt ein Notarzt seinen Tod fest.
Der blutüberströmter Somalier liegt im Juni 2024 im Hauseingang der Uhlandstraße 137.
„Mann stirbt in Hausflur“, schreibt später die Bild-Zeitung. Bloß ein weiterer Todesfall in der Hauptstadt?
Wochenlange Recherchen von NIUS zeigen: Hinter diesem Mord steckt eine größere Geschichte. Der Tatort in Berlin-Wilmersdorf steht sinnbildlich für den migrationspolitischen Kontrollverlust, der inzwischen auch einstmals wohlhabende Stadtviertel in Deutschland drastisch verändert. Es geht um junge Somalier, die ohne Perspektive in den Tag hineinleben; einen Staat, der durch seine Sozialleistungen Glücksritter aus aller Welt anlockt; Roma-Familien, die ganze Straßenzüge terrorisieren; und einen ehemaligen SPD-Politiker, der finanziell als Besitzer der Immobilie von der Masseneinwanderung massiv profitiert. Hier, in der Uhlandstraße 137, zeigt sich, wie die momentane Migrationspolitik wenige Nutznießer und viele Verlierer hinterlässt.
Das Mordopfer Abdihannan M. lebt zum Zeitpunkt der Tat in einem Wohnheim, das sich in den oberen Stockwerken der Uhlandstraße 137 befindet, der „Astrel-Pension“. Sein Zimmer im vierten Stock ist karg eingerichtet, Gemeinschaftsdusche und -toilette liegen auf dem Flur.
Der Mörder und sein Opfer kennen sich, seit Jahren sind sie gut befreundet. Beide stammen aus der Region Ogaden in Äthiopien und gehören dem Volk der Somali an. Sie leben jedoch seit geraumer Zeit als Asylbewerber in Deutschland. Im Drogenrausch kommt es im Zimmer von Abdihannan M. zum Streit – mit fatalem Ausgang.
Polizeibeamte sichern den Tatort in Berlin-Wilmersdorf.
An diesem Sonntag, dem 23. Juni 2024, herrschen draußen sommerliche Temperaturen. Abdihannan M. und Abdi A. sitzen gemeinsam bei M. im Zimmer, drei Freunde sind noch dabei, es wird Cannabis konsumiert und viel Alkohol getrunken. Das spätere Opfer war mit einigen Anwesenden praktisch die ganze Nacht unterwegs und macht jetzt im Zimmer weiter – Afterhour unter Somaliern.
„Spätestens seit dem Jahr 2018 trafen sich der Angeklagte und der Geschädigte sowie die Zeugen Abdilahi M., Abshir M. und Abdiwali M. regelmäßig“, heißt es später in Akten des Gerichts, die NIUS exklusiv vorliegen. „Sie gingen feiern, hielten sich im Bereich des Görlitzer Parks in Berlin auf und verbrachten auch Wochenenden mit- und beieinander, wobei sie teils auch gemeinsam Alkohol, Cannabis und Betäubungsmittel konsumierten.“
Abdihannan M., das spätere Opfer, gilt als jähzorniger Mensch und gerät im Alkoholwahn schnell in Rage. Urplötzlich kommt es auch an diesem Sonntag zum Streit, wahrscheinlich weil Abdi A. die Lautstärke von M. auf die Nerven geht. Es folgen Flaschenwürfe und Bedrohungen. A. zieht aus dem Nichts ein Messer, woraufhin M. das Zimmer verlässt. Der Streit verlagert sich ins Treppenhaus, wo es erneut zu Rangeleien kommt. Schließlich fällt das Messer zu Boden. Abdi A. ergreift es, sticht einmal zu. Eine Sekunde vergeht. Dann sticht er weitere zweimal zu. Die Stiche verletzen die Hauptschlagader, das Herz und die Lunge, sodass Abdihannan M. innerhalb von kurzer Zeit durch inneres Verbluten verstirbt.
Wegen Nichtigkeiten wird ein junges Leben ausgelöscht.
Der Täter flüchtet über den U-Bahnhof Hohenzollernplatz.
Abdi A., der zum Mörder gewordene Freund, flieht nach der Tat panisch auf die Straße. Am U-Bahnhof Hohenzollernplatz wirft er das Tatmesser weg. Der 25-Jährige fährt mit der U-Bahn ziellos durch die Gegend, läuft orientierungslos durch die Stadt. In einem Park trifft er zufällig auf mehrere Sudanesen, mit denen er weiter Drogen konsumiert. Nach Stunden wird er schließlich dank eines Zeugenhinweises von der Polizei aufgegriffen.
Abdi A. landet in Haft und später vor Gericht. Wegen Totschlags wird der 25-Jährige am 23. Dezember 2024 vor dem Landgericht Berlin zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren verurteilt.
Der junge Somalier, der in Deutschland zum Mörder wird, stammt aus einer angesehenen Familie. Sein Vater ist Beamter und nimmt in Äthiopien Aufgaben wahr, die vergleichbar mit denen eines Notars sind. Abdi A. genießt eine solide schulische Ausbildung. In den Akten heißt es: „Ohne Gefahren für seine Sicherheit, politische oder wirtschaftliche Repressalien und ohne seine Familie in seine Pläne einzubeziehen, beschloss der Angeklagte im Alter von 17 Jahren, seine Heimat zu verlassen.“
Über die Mittelmeerroute macht er sich 2016 auf den Weg nach Europa, landet erst auf Lampedusa und später auf dem italienischen Festland. Mit ein paar Landsleuten entschließt er sich später nach Schweden zu reisen. Im Dezember 2016 wird er jedoch in Süddeutschland von der Polizei aufgegriffen und dem Jugendamt Lindau übergeben. Hier stellt er erstmals einen Asylantrag.
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