Die gar nicht so lustige Geschichte vom Tod der Satire

vor 9 Monaten

Die gar nicht so lustige Geschichte vom Tod der Satire
Bildquelle: Tichys Einblick

Der Autor dieser Zeilen ahnte schon, dass ihn irgendwann das Schicksal von Kollegen treffen würde, zwar nicht auf Tichys Einblick, aber draußen in der Welt, in diesem Fall auf X: Eine kaum misszuverstehende sarkastische Bemerkung zum ZDF, Dunja Hayali und deren Berichterstattung über Charlie Kirk verstanden viele dann doch als ganz direkte, genau so gemeinte Aussage. Sogar sehr viele. Der Tweet fand ein großes Publikum, wie es ja meist geschieht, wenn zwei Seiten aneinander vorbeireden.

Innerhalb weniger Stunden beschimpften mich etwa hundert Nutzer in der festen Überzeugung, ich meinte wirklich, Kirk hätte zur Steinigung von Schwulen aufgerufen, und ich würde das ZDF für seine herausragende Leistung loben. Ein Teil von ihnen schrieb, Kirk habe das nicht getan (möglicherweise hatten sie genau das bei mir gelesen und die Quelle wieder vergessen), andere benutzten zusammenhangslose Schmähworte, sie reagierten also eher wie Dunja Hayali. Eine dritte Gruppe schrieb den X-Klassiker: „Satire bitte kennzeichnen.“ Üblicherweise schreiben das Leute unter Beiträge, die sie gerade nicht für Satire halten. Bei dem von mir benutzten Stilmittel handelte es sich genaugenommen um Sarkasmus, laut Duden „beißender, verletzender Spott, Hohn, der jemanden, etwas lächerlich machen will“.

Das Merriam Webster definiert ihn als „a mode of satirical wit depending for its effect on bitter, caustic and often ironic language that is usually directed against an individual“. Bei dem Individuum, gegen das sich der Ätzvorgang in meinem Post richtete, handelt es sich um Norbert Himmler, Intendant des ZDF und neben Katrin Göring mit Zweitnamen Eckardt der engagierteste Verteidiger des öffentlich-rechtlichen Demokratierundfunks. Der, also Himmler, meinte nämlich: „wir müssen sagen können, was ist“, nachdem Elmar Theveßen, also der Marcel Fratzscher unter den Amerikaexperten, bei „Lanz“ die Lüge verbreitet hatte, der Publizist und Debattierer Charlie Kirk hätte zur Steinigung von Schwulen aufgerufen. Auf Nachfrage von Lanz wiederholte und bekräftigte er bekanntlich seine Desinformation.

Wenn ein Intendant sich dafür nicht nur nicht entschuldigt, sondern sich auf den alten Satz von Rudolf Augstein beruft und bei Kritik ruft, jetzt sei die Pressefreiheit in Gefahr, dann kommt man dem nicht mehr mit der Bemerkung bei, hier irre sich der Mann aber ganz gewaltig. Sondern nur noch mit dem Mittel der uneigentlichen Rede, die Satire, Ironie, Sarkasmus und Parodie umfassen.

Autoren, die derlei anwenden, verstehen nach und nach und unter Schmerzen, dass nur noch wenige diese Stilformen erkennen, wobei ja niemand mehr eine Fähigkeit zur Unterscheidung der einzelnen Genres erwartet. Die meisten scheitern schon daran, das Uneigentliche an sich zu erkennen. Satire, Ironie, Sarkasmus und Parodie sterben offenbar auf ähnliche Weise aus wie der Genitiv.

Ohne diese vier Kunstgriffe lässt sich nur leider kaum ein etwas komplexerer Text zur Gegenwart verfassen. Wer sie nicht erkennt, dem bleiben viele Schöpfungen Egon Friedells und nahezu das gesamte Werk von Friedrich Torberg, Karl Kraus und Johann Nepomuk Nestroy versperrt, um einmal nur die österreichische Abteilung aufzuzählen. Immerhin, bei Juvenal stand vorn praktischerweise gleich „Satiren“ drauf. Aber auch ohne diesen Hinweis verstanden viele Leser in früheren Jahrhunderten die uneigentliche Rede vermutlich besser als ein großer Teil der Gegenwartsmenschen. Sicherlich, das Lesen als Kulturtechnik beherrschte damals nur eine Minderheit. Aber als 1729 Jonathan Swifts „Modest Proposal“ erschien, kamen wahrscheinlich nur die allerwenigsten seiner Leser auf die Idee, der Autor würde tatsächlich zum Verspeisen von Kindern raten, um die irische Hungersnot einzudämmen.

Anwesende, also Leser von Tichys Einblick, sind selbstverständlich vom Verdacht der zunehmenden Satire- und Sarkasmusblindheit ausgenommen. Beides greift vor allem auf den digitalen Plattformen und Medien von Spiegel bis ARD um sich, die wiederum dem Leitmediendreigestirn X, Bluesky und Instagram folgen. Wer dort seinen Fuß hinsetzt wie der Autor oder sein Leidensgenosse Michael Klonovsky, der fühlt sich schnell wie eine Spottdrossel am Nordpol. Über eine Meldung, der Klimawandel lasse neuerdings Alpengipfel wanken, machte Klonovsky sich auf X wie folgt lustig: „Millionen Jahre standen die Alpen stramm und bolzenfest. Kein Stein wankte je im Gestemm, kein Bröckeln, nirgends. Seit der Mensch das Klima wandelt, sind selbst die Berge nicht mehr sicher.“

In seiner „Acta diurna“ notierte er dann, was seine leichtsinnigen Worte auslösten. Keinen Bergsturz, aber: „Ich breche hier ab – es sind, Stand 17.24 Uhr, über tausend Kommentare. Immerhin nahm nur etwa jeder zweite meine Bemerkung für bare Münze. Mag sein, dass die braven Leute so sehr von der Klimakatastrophenpropaganda weichgeklopft und angesäuert sind, dass sie sofort Rot sehen. Ich fühle mich allerdings dafür nicht zuständig.“

Es verhält sich also sehr ähnlich wie in dem oben geschilderten Fall: Immerhin wussten die Tadler, dass es keinen Aufruf von Charlie Kirk zur Steinigung von Schwulen oder überhaupt jemandem gab, und sie hielten das ZDF auch nicht für einen Hochqualitätssender, so, wie die Hälfte der Klonovsky-Leser augenscheinlich auch wusste, dass schon in der kleinen Eiszeit und vorher Felsen im Gebirge eben nicht bolzenfest standen. Die anderen dachten „ach so“, zeigten aber mit ihren amüsierten Kommentaren etwas mehr Textverständnis. Eine Leserin erkannte sogar das Zitat aus „Rheingold“.

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