In den zurückliegenden zwei Jahren herrschten im Nahen Osten angespannte Verhältnisse. Die Huthi führten Bombardierungen von Handelsschiffen durch, Israel begann umfassende Militäreinsätze in Gaza und im Libanon und es kam zu Raketenabschüssen zwischen Israel und dem Iran. Dennoch blieben die Ölmärkte ruhig, da das Worst-Case-Szenario – ein offener Krieg zwischen Israel und dem Iran – ausblieb. Nun befinden sich aber der Iran und Israel in einem offenen Krieg, der mit hoher Wahrscheinlichkeit noch eine geraume Zeit andauern wird. Der Krieg droht die Lage am Persischen Golf, wo rund ein Drittel des weltweiten Öls gefördert wird, zu verschärfen. Der globale Referenzpreis für Brent-Rohöl stieg am 13. Juni, dem ersten Tag des Krieges, um acht Prozent auf 74 Dollar pro Barrel. Bisher kam es zu keinen Ölausfällen. Die höheren Preise spiegeln die Möglichkeit künftiger Störungen wider.
Der Iran ist nach Russland, Saudi-Arabien und dem Irak der viertwichtigste Ölproduzent innerhalb der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC). Zuletzt produzierte das Land täglich 3,4 Millionen Barrel Rohöl, wovon weniger als die Hälfte exportiert wurde. Dies geschieht, obwohl die USA zuletzt ihre Sanktionen auf mehrere chinesischen Raffinerien ausgeweitet haben, die iranisches Rohöl erwerben. Es wäre für den Ölmarkt jedoch zu verschmerzen, wenn der Iran als Ölproduzent ausfallen sollte. Der Iran exportiert Schätzungen zufolge angesichts der westlichen Sanktionen täglich nur knapp 1,7 Millionen Barrel Öl, wobei ein signifikanter Anteil davon nach China geht. In Anbetracht der aktuellen kriegerischen Lage ist mit einem Verlust von bis zu 600.000 Barrel pro Tag an iranischer Ölversorgung zu rechnen. Da dieser Wert lediglich 0,6 Prozent der globalen Versorgung entspricht, ist davon auszugehen, dass die Preissteigerungen auf 5 bis 10 Dollar pro Barrel begrenzt bleiben werden. Es ist auch anzunehmen, dass Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate sowie weitere OPEC-Staaten kurzfristig zusätzlich bis zu fünf Millionen Barrel täglich in den Markt drücken könnten.
Je länger der Krieg dauert, desto größer wird das Risiko, dass der Iran zu verzweifelten Maßnahmen greift. Eine mögliche Maßnahme wäre der Versuch, die Straße von Hormus zu schließen, durch die 30 Prozent des weltweiten Rohöl- und 20 Prozent des Flüssiggastransports transportiert werden. Beobachter rechnen im Blockade-Fall mit einem Ölpreis von 120 Dollar und mehr pro Barrel. Handelsexperte Gerrit Heinemann nannte die Folgen einer drohenden Blockade der Straße von Hormus für Deutschland „katastrophal“. Gegenüber Bild sagte er: „Schlimmer als Corona und Putin zusammen.“ Eine Dauerkrise wäre sogar heftiger als das, „was wir zu Beginn des Ukraine-Kriegs und in den Corona-Jahren erlebt haben“. Eine Blockade der Straße von Hormus ist allerdings nicht einfach durchzuführen. Selbst im „Tankerkrieg” der 1980er Jahre, als der Iran und der Irak Krieg gegeneinander führten und 239 Öltanker Ziel von Angriffen wurden, blieben die Lieferungen unverändert und die Preise stabilisierten sich nach einem anfänglichen Anstieg. Der Iran müsste nun die gesamte Route blockieren. Das wäre jedoch unklug, nicht zuletzt, weil die schmale Wasserstraße, die den Persischen Golf mit dem Indischen Ozean verbindet, für den Iran selbst von lebenswichtiger Bedeutung ist. Zudem würden die USA (deren Präsident niedrige Ölpreise anstrebt) wahrscheinlich ihre Marine entsenden, um die Meerenge freizugeben. Damit würde sich der Iran auch mit seinem Verbündeten Peking anlegen. Denn China ist auf Ölimporte aus dem Persischen Golf angewiesen. Ölpreisschocks treffen traditionell vor allem Entwicklungs- und Schwellenländer besonders stark, da ihre Volkswirtschaften viel stärker von der Nutzung von Öl abhängig sind als etwa europäische Länder. Mit einer Blockade würde der Iran zudem eine große, ungewollte Reaktion der arabischen Golfstaaten auslösen, deren Handel stark beeinträchtigt würde.
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