Russlands Präsident Wladimir Putin und Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu scheinen eine zentrale Einsicht zu teilen: Sie vertrauen nicht der Diplomatie, sondern setzen auf einen Sieg im Krieg. Allerdings gibt es einen gravierenden Unterschied zwischen Russlands Waffengang gegen die Ukraine und dem asymmetrischen Krieg Israels gegen die Heerscharen der Islamisten.
Während es Putin um die „Sicherheitsinteressen“ einer offensichtlich expansiven Großmacht geht, kämpft Netanjahu nach seiner Überzeugung um das Überleben des winzigen jüdischen Staates in einer weitgehend feindseligen Welt – in der der Hass auf Juden und Israel immer weiter zunimmt. Auch in Europa und Deutschland.
Netanjahu, mit insgesamt schon mehr als 20 Jahren an der Macht und damit länger als jeder seiner Vorgänger, glaubt offenbar 2025 an eine fast einmalige historische Chance Israels, den Todfeinden des jüdischen Staates eine nachhaltige Niederlage zuzufügen, die sie lange Zeit gravierend schwächen wird.
Vielleicht weiß der auch daheim umstrittene Likud-Politiker, dem Korruption und Versagen vor dem Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023 vorgeworfen werden, nicht einmal selbst, welchen Anteil sein persönliches Eigeninteresse für den Machterhalt an seiner „historischen Mission“ hat. Schließlich drohen ihm nicht nur Gerichtsverfahren, sondern auch bei Neuwahlen eine vermutlich deutliche Niederlage. Aber ungeachtet aller Hintergründe und Motive der Protagonisten in Jerusalem, trotz der Vorwürfe gegen Israel wegen angeblicher „Kriegsverbrechen“ und angeblichen „Völkermord“ hält die Regierung Netanjahu an der offensiven, aggressiven Kriegspolitik fest.
Die israelische Besetzung von Gaza-Stadt – möglicherweise dann des ganzen Gaza-Streifens – soll den noch verbliebenen Organisationsstrukturen der Hamas endgültig den Garaus machen. Dieser Versuch, vor dem auch einige israelische Generäle und Geheimdienstexperten gewarnt haben, wird mit Sicherheit zu heftigen Kämpfen in Wohngebieten und vermutlich auch zahlreichen Terroranschlägen in Israel oder gegen Israelis im Westjordanland oder im Ausland führen. Schließlich steht die Hamas angesichts der israelischen Schluss-Offensive tatsächlich mit dem Rücken an der Wand.
Die Überlebenschancen der noch verbliebenen (vermutlich 20) israelischen Geiseln in der Gewalt der Terrorgruppe werden damit wohl erneut sinken. Aber trotz aller Beteuerungen Netanjahus, mit seinem Vorgehen vor allem das Leben der Geiseln retten zu wollen, hat der folgenschwere Beschluss des israelischen Kabinetts am 8. August, den Krieg weiter zu verschärfen, vor allem das Ziel, die Hamas im Gaza-Streifen vernichtend zu schlagen.
Längst schon ignoriert Netanjahu Appelle, Warnungen und Forderungen der Vereinten Nationen (UN), der EU und europäischer Regierungen, geschweige denn nimmt er die Haftbefehle des Internationalen Strafgerichtshofs, die zornigen Verurteilungen aus der islamischen Welt, dem „globalen Süden“ oder gar der angeblich neutralen Menschenrechtsorganisationen ernst.
Dabei kann der Ministerpräsident entgegen zahlreicher Berichte westlicher Medien über die massive Opposition der israelischen Bevölkerung gegen die Gaza-Pläne durchaus auf die Unterstützung seiner Landsleute zählen. Obwohl ihn die meisten Israelis am liebsten morgen abwählen würden, unterstützen sie grundsätzlich seine Positionen gegenüber den Palästinensern. Ausgerechnet die linksgerichtete Politologin und „Haaretz“-Autorin Dahlia Scheindlin machte darauf in einem Bericht der angesehenen US-Zeitschrift „Foreign Affairs“ aufmerksam.
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