Sterben für Wokistan?

vor mehr als 1 Jahr

Sterben für Wokistan?
Bildquelle: Tichys Einblick

Sagt Ihnen der Name Markus Kurczyk etwas? Bis 2023 leitete er im Rang eines Generalmajors das Zentrum Innere Führung der Bundeswehr. Im September des Jahres entließ Verteidigungsminister Boris Pistorius den hoch dekorierten und einsatzerfahrenen Militär wegen einer Beschuldigung, die in verschiedenen Medien als ‚Kuss-Affäre‘ die Runde machte. Der damalige Oberleutnant Michael D. beschuldigte Kurczyk, ihn bei der Abschlussfeier der Invictus Games in Düsseldorf – einem internationalen Sportwettbewerb für verwundete und erkrankte Soldaten – „ohne ausdrückliches Einverständnis“ umarmt und am Gesäß berührt zu haben. 
Der Generalmajor bestritt damals und bestreitet auch heute den angeblichen Vorfall entschieden. Er habe D. lediglich wie unter Kameraden üblich zum Abschied umarmt. Pistorius versetzte Kurczyk in den Ruhestand, ohne den Ausgang des Disziplinarverfahrens gegen ihn abzuwarten. „Ich wusste zu diesem Zeitpunkt gar nicht, was mir überhaupt vorgeworfen wird,“ sagt der demobilisierte Offizier im Gespräch mit Tichys Einblick. Die Begründung des Ministers lautete, es gebe „öffentlichen Druck“, er könne gar nicht anders, als den Chef des Zentrums Innere Führung nach 41 tadellosen Dienstjahren zu feuern.

Der Tagesspiegel, immer wieder an vorderster Front beim Streuen von Falschbehauptungen – mal gegen eine Biologin, mal gegen Coronamaßnahmenkritiker – behauptete, der General hätte den Untergebenen auf den Mund geküsst. Davon stand selbst in der Beschwerde von Michael D. kein Wort. Sehr vieles spricht dafür, dass der Oberleutnant den Belästigungsvorwurf als Revanche erhob: Er stand damals an der Spitze des Vereins Queer BW, dem Zusammenschluss schwuler und lesbischer Bundeswehrangehöriger; zwischen dem Verein und dem Generalmajor gab es vorher eine nicht persönlich geprägte, sondern inhaltliche Auseinandersetzung. Es strapaziert außerdem die Fantasie, dass der Familienvater Kurczyk sich auf einer Feier einem Soldaten in zweideutiger Absicht genähert haben sollte, zumal noch in Gegenwart etlicher Gäste, seiner Frau, dem damals 11-jährigen Sohn des Generalmajors und des Adjutanten, der ihn zu der Veranstaltung begleitete.

Als Leiter des Zentrums Innere Führung gab der General vor der sogenannten Kussaffäre dem Spiegel ein Interview, in dem er unter anderem das Problem einer Berufsarmee ansprach, innerhalb einer gründlich durchpazifierten Gesellschaft junge Männer und Frauen zu finden, zu deren soldatischen Aufgaben nun einmal das Töten gehört. „Wie bringe ich jemandem bei, Scharfschütze zu werden? Wie trainieren Sie den für den Krieg? Für den Moment, wo der Kopf des Gegners platzt?“, fragte Kurcyk damals rhetorisch. Damit sprach er aus, was prinzipiell jeder weiß, was aber einer politisch-medialen Deutungselite als skandalös gilt, die schon in der falschen Pronomenwahl einen Übergriff sieht. Wer schon Mikroaggressionen für gesellschaftsgefährdend hält, will sich mit der Möglichkeit der Makroaggression gar nicht erst befassen. Selbst manche Bundeswehrangehörige, die politisch nicht auffallen wollen, sparen in der Öffentlichkeit die Frage lieber aus, zu welchem Zweck die Armee dient, und zwar wie jede andere Truppe auch. „In meinem Umfeld haben einige gesagt: Es war nur eine Frage der Zeit, bis du dran warst“, meint Kurczyk im Gespräch. Er vermutet, „dass etwas gesucht wurde.“

Der eine oder andere erinnert sich vielleicht noch an Oberstleutnant Marcel Bohnert, Leiter des Social-Media-Zentrums der Bundeswehr, dem die Redaktion des ARD-Magazins „Panorama“ 2020 Kontakte zu Rechtsradikalen anhängte, kommentiert und ausgeschmückt von einer als Expertin vor die Kamera geholten österreichischen Linksradikalen. Die Beschuldigungen erwiesen sich samt und sonders als haltlos. Sein Arbeitgeber strengte trotzdem ein Disziplinarverfahren gegen Bohnert an, das nach 16 Monaten mit einer Entlastung erster Klasse endete. Eine Entschuldigung der „Panorama“-Redaktion bei dem Offizier gab es nie. Es ließen sich noch andere Fälle für den Umgang von Politik, Medien und der politischen Bundeswehrführung selbst anführen, etwa die angeblich massenhaften rechtsradikalen Umtriebe, die Ministerin Ursula von der Leyen damals entdeckt zu haben glaubte, und von denen nach intensiver Pressebegleitung am Ende ein ab- und dann wieder aufgehängtes Bild von Helmut Schmidt in Luftwaffenuniform und ein Wehrmachtsstahlhelm in einem Traditionskabinett übrigblieben.

Diesen Kontrast braucht es schon, um eine Wortmeldung des Vorsitzenden der Grünen Jugend Jakob Blasel angemessen einzuordnen, der kürzlich auf X schrieb:

„Wer in dieser Weltlage immer noch zögert, Europas Freiheit mit der Waffe zu verteidigen, ist nicht links – sondern naiv und unsolidarisch.“

Fast parallel meldete der Sender n-tv in Bezug auf Joseph Fischer, den größten deutscher Außenminister zwischen Klaus Kinkel und Frank-Walter Steinmeier:

„‚Es werden harte Jahre.‘ Joschka Fischer fordert Wehrpflicht für Mann und Frau.“

Screenprint: N-tv

Die Grünen-Vorsitzende Franziska Brantner sekundierte auf X: „Europa muss wehrhaft werden.“ Wie Freund Blasel bezieht sie sich auf den Kontinent, meint aber die EU, in deren Mitte nun mal Deutschland liegt. Harte Jahre, an die Waffen, wehrhaft werden – noch vor kurzem hätten solche Sätze einem Bundeswehroffizier mindestens einen Vermerk des militärischen Abschirmdienstes eingebracht. Sie wirken bemerkenswert für politische Kreise, die bis eben noch ganz selbstverständlich Soldaten für die höchste Form der toxischen Männlichkeit hielten und die Armee für eine rechtsradikale Vorfeldorganisation, die gegen öffentliche Bundeswehrgelöbnisse demonstrierten und überhaupt eine „Entmilitarisierung des öffentlichen Raums“ forderten.

Unter diesem Stichwort verlangten beispielsweise die Kreuzberger Grünen eine Umbenennung der Yorck- und der Blücherstraße. Das änderte sich nach den von Grün befürworteten Waffenlieferungen an die Ukraine nicht wesentlich. In der TAZ vom 30. September 2024 beispielsweise gab eine Bildungsreferentin für Friedenspädagogik namens Nele Anslinger stellvertretend für mehr oder weniger alle urbanen Progressiven zu Protokoll: „Mein ‚Vaterland‘ würde ich allein deswegen nicht verteidigen wollen, weil ich vom Konzept des Nationalstaats nicht überzeugt bin.“

Mit dieser Haltung gegen alles Militärische im eigenen Land standen die Grünen weiß Gott nicht allein. Die Praxis, selbst verdienten Offizieren unter Medienapplaus bei der geringsten Beschuldigung in den Rücken zu fallen, siehe oben, und die Armee ansonsten gerade noch als gesellschaftspolitisches Exerzierfeld zu dulden, setzten bekanntlich auch Verteidigungsministerinnen der Union konsequent durch.

Selbst, wenn man die Meinungselastizität von Politikern in Rechnung stellt, kommt nach der Forderung selbst nach Entblücherung von Straßenschildern der Ruf des Grüne-Jugend-Chefs zu den Waffen ein bisschen plötzlich. Bis eben noch hätte man es für wirklich sehr weit hergeholt gehalten, dass ein Linksnachwuchskader namens Blasel Bürger mit dem Spruch ‚Hamse schon mit Dienen angefangen‘ auf den nächstgelegenen Truppenübungsplatz scheucht, und zwar ausdrücklich ohne Altersbegrenzung. Weshalb und wofür, dazu gleich mehr.

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